Der ultimative Roman

Hier soll ein Roman entstehen. Ich gebe den ersten Satz vor und dann bitte einfach munter drauf weiterschreiben (einfach als Kommentar!). Jeder soviel er möchte. Ich bin gespannt was dabei herauskommt. Hoffentlich eine tolle Geschichte.

Kleiner Zusatz: Bitte wenn ihr etwas schreibt, in einem neuen Fenster vor Veröffentlichung die Seite aktualisieren, nicht dass sich zwei Kommentare überschneiden. Sollte dies vorkommen, bitte kurze Info an mich, ich kann einen Kommentar dann wieder löschen!

Hier gehts los:

Es war ein Sturm der die Bäume zu Boden drückte, der Regen traf die beiden Wanderer frontal und sie gingen gebeugt um überhaupt vorwärts zu kommen. Für diese Jahreszeit war das Wetter ungewöhnlich, aber das Wetter war etwas, auf dass man sich in diesem Jahr sowieso nicht verlassen konnte.

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184 Antworten zu Der ultimative Roman

  1. Sonja

    Schweigend liefen sie nebeneinander her, immer darauf achtend, wo sie ihre Füße hinsetzten. Der Regen hatte den Boden aufgeweicht, der Wind wehte die Blätter von den Bäumen und der dunkelgraue, wolkenverhangene Himmel versprach keine Besserung. Doch nicht allein das Wetter war der Grund für die Stille, die zwischen ihnen herrschte.

  2. Man konnte die Spannungen in der Luft förmlich spüren. Das unwirtliche Wetter war wie ein Spiegel der Situation: aufgewühlt, kühl, energisch und doch fühlte es sich für sie vertraut an, sahen sich doch beide in Ihrer Stimmung unbewusst bestätigt. Jeder hing seinen Gedanken nach, die unterschiedlicher nicht hätten sein können und doch hatte alles den gleichen bitteren Ursprung.

  3. Andrea

    Ein Blitzen mit einem gleich anschließendem Donnern, dass die Nähe des Gewitters bestätigte, ließ sie beide aufschrecken.
    “Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen.”, rief der Mann lauter als beabsichtigt und ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen.

  4. Sonja

    “Noch ein Stück weiter gibt es eine alte Hütte; sie ist zwar ziemlich verfallen, aber sie bietet immerhin etwas Schutz.” Der zweite Mann schützte seine Augen mit der Hand vor dem Regen und schaute sich nach Orientierung suchend um. “Da lang!”, rief er gegen das Unwetter an und wies mit der anderen Hand in die Richtung einer Bergkuppe.

  5. Der immer stärker wütende Wind machte das Vorankommen zur Hütte allerdings sehr beschwerlich. Baumwipfel bogen sich und drohten unter Ächzen nachzugeben. Auch die Sicht wurde immer schlechter durch die dunklen bedrohlich näherkommenden Gewitterwolken. “Wir müssen uns beeilen” entgegnete der erste der beiden Männer in merklich angespanntem Ton. Was beide wussten aber nicht ansprachen: Schlimmer als den Wind empfanden sie die beißende Kälte. Nach dem anhaltenden Regen und Sturm durchdrang sie allmälich Stück für Stück auch die letzte Schicht Kleidung und zehrte unaufhörlich an den noch verbleibenden Kräften.

  6. Sonja

    Nach ein paar weiteren Metern konnten sie zwischen einigen Baumstämmen die Umrisse der Hütte erkennen. Die Männer nahmen ihre letzten Kraftreserven zusammen und kämpften gegen die aufkommende Erschöpfung an. Mit einem weiteren Donnerschlag ging der Regen urplötzlich in Hagel über und prasselte auf Baum und Stein, Mensch und Tier. Mit ihren Kräften am Ende, erreichten sie die Hütte und mussten entsetzt feststellen, dass von ihr nicht viel mehr stand als die Vorderfront und eine Seitenwand.

  7. 1000 Gedanken überschlugen sich, doch keiner war fähig bei diesem Anblick einen klaren Satz zu formulieren. Erschöpfung paarte sich mit langsam aufsteigender Panik. Gegenseitige Vorwürfe wie es zu dieser Situation kommen konnte standen unausgesprochen im Raum, doch letzlich blieb nur eine Lösung der Situation:

  8. Andrea

    Bei diesem Wetter weiterzugehen stand außer Frage, daher blieb nur in den Überresten der Hütte Schutz zu suchen. Der Mann mit dem Namen Markus hatte eine Decke in seinem Rucksack, die sie sich in die Ecke der noch stehenden Wände gekauert über den Kopf hielten. Zumindest vor dem Wind waren sie so etwas geschützt.

  9. In dieser gedämpften Stille spürte Markus wie sich jeder seiner Muskeln verkrampfte und gegen diese Lage rebellierte. Er sträubte sich innerlich so sehr auf engstem Raum mit der Person zu sein, die ihn unzählige schlaflose Nächte gekostet hat, dass sein Körper sich den Gedanken einfach unterordnete. Bisher hielt er sich immer für willensstärker, doch unter solch widrigen Umständen musste auch er sich eingestehen, dass die letzte Zeit intensiver an ihm genagt hat als erwartet.

  10. Sonja

    Der andere Mann war, sobald sie sich in die Ecke gekauert hatten, aufgrund seiner Erschöpfung in unruhigen Schlaf gefallen. Immer wieder murmelte er leise Worte, die Markus nicht verstand – und die er auch gar nicht verstehen wollte. Er hoffte nur, dass das Unwetter sich bald verzog und sie wieder aufbrechen konnten. Die letzten Tage hatten ihn viel Kraft gekostet und jede Minute, die er mit dem Mann verbringen musste, zehrte an ihm.

  11. “Kann es wirklich nur ein Zufall gewesen sein?” ging es Markus durch den Kopf. Sollte hinter der Begegnung mit Ari vor knapp einer Woche vielleicht doch mehr gesteckt haben? Anfänglich stand er der Tatsache noch ganz positiv gegenüber unverhofft einen Wegbegleiter zum Wandern gefunden zu haben, doch mit jedem Schritt den sie zurücklegten kamen ihm Zweifel. Befände er sich jetzt in diesem Unwetter unter dieser klamm gewordenen Decke, umgeben von dem immernoch tobendem Sturm, wenn er Ari nicht begegnet wäre? Wenn er einfach zurückgegrüßt aber allein weitergegangen wäre? Wenn er garnicht erst aufgebrochen wäre zu dieser unglückanziehenden Wanderung?

  12. Andrea

    Er schüttelte den Kopf um die Gedanken zu vertreiben. Es ließ sich jetzt sowieso nicht mehr ändern, also wozu den Kopf zerbrechen? Er überlegte krampfhaft wie es weitergehen sollte. Wohin waren sie eigentlich unterwegs? Die letzten Tage war ihm die Wanderung eher wie ein zielloses Umherstreifen vorgekommen. Ari hatte immer wieder die Wege gewechselt und nun hatten sie das Schlamassel und steckten hier im schlimmsten Unwetter des Sommers fest.
    Da sein Begleiter immer noch tief schlief und die Gedanken über ihre Begegnung sich nicht abstellen ließen, griff Markus vorsichtig nach Ari’s Tasche. Vielleicht sollte sich da ein Hinweis finden, der alles erklärte. Er wühlte darin herum und zog schließlich einen Umschlag hervor. Die Schrift darauf war auf Russisch und da Markus kein Russisch sprach, konnte er die Aufschrift auch nicht lesen. Der Inhalt – zwei Bilder – sorgten jedoch dafür, dass ihm die Gesichtszüge entglitten.

  13. wenige Wochen zuvor:
    “Wenn das noch lange so weitergeht platzt mir der Schädel!” dachte er und stütze erschöpft seinen Kopf in die für seine Statur zu groß geratenen Hände. Umgeben von unüberwindbar scheinenden Aktenbergen saß Markus. Quer über seine Stirn zogen sich tiefe Falten die nur erahnen ließen welchen inneren Aufruhr er in sich trug. Für einen Außenstehenden hätte Markus Layard immernoch souverän und respekteinflößend gewirkt, doch jeder der sich die Mühe gab hinter die anzugtragende Fassade zu blicken, hätte nur noch einen Schatten seiner früheren Selbst gefunden.

  14. Sonja

    Dabei war Markus immer stolz auf seinen Charakter und seine Standfestigkeit im Leben gewesen. Nach einem bravourösen Examen in Jura war er sofort von einer renommierten Kanzlei übernommen worden – und das ganz ohne das sonst notwendige Vitamin B. Seinen ersten Fall, die Vertretung eines zu Unrecht angeklagten Börsenmaklers, hatte ihm einigen Ruhm eingebracht. Doch jetzt, nach mehreren Jahren und als Partner der Kanzlei, hatte er jeglich Zuversicht und all seinen Lebensmut verloren.

  15. Andrea

    Sollte das seine Lebensaufgabe sein? Nur noch in der Arbeit sitzen ohne Freizeit? Nur mit Menschen herumstreiten, die eigentlich genug Geld hatten, aber trotzdem unzufrieden waren? Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, die eigentlich im Unrecht waren? Er hatte das Gefühl gerade gewaltig an seinem Berufsethos zu zweifeln.

  16. Genau in diesem Moment entriss ihn das Klingeln des Telefons jäh aus seinen Gedanken.

  17. Sonja

    “Layard”, meldete er sich knapp nach dem fünften Klingeln; meist verhießen Anrufe nichts Gutes, ignorieren sollte man sie allerdings nicht, wenn einem der Job lieb war.

  18. Andrea

    Am anderen Ende herrschte Stille. Markus lauschte angestrengt, er konnte ein Atmen hören, daher meldete er sich erneut. “Layard am Apparat. Mit wem spreche ich bitte.”

  19. Wieder war nur ein Atmen zu hören – schwerer und schleppender als das Erste. Markus Layard kam nicht umhin sich einzugestehen, dass ihm der Anruf ein ungutes Gefühl bereitete. Zum dritten mal und jetzt deutlich energischer und gereizt “Layard am Appart. Mit wem verdammt spreche ich?” Noch bevor Markus den Satz zu Ende sprechen konnte war nur noch das monotone Rauschen in der Leitung zu hören – der unbekannte Anrufer hatte aufgelegt.

  20. Sonja

    Markus legte ebenfalls auf, wählte sofort eine andere Nummer und sagte, nachdem sich jemand mit einem Nuscheln gemeldet hatte: “Ich brauche deine Hilfe. Kannst du den letzten Anruf auf mein Telefon zurückverfolgen?” Kurze Pause. “Gut, Danke, melde dich, wenn du was hast. Bye.”
    Dann wandte er sich wieder seinen Aktenstapeln zu.

  21. Andrea

    Die Papiere wurden immer mehr und so langsam verlor er den Überblick. Gerade als er sich, trotz einsetzender Lustlosigkeit, daran gemacht hatte die neuen Papiere zu sichten klingelte das Telefon erneut. Genervt hob er ab: “Layard.”
    Seine Stimme mußte seine Stimmung wiederspiegeln, denn die Person am anderen Ende schluckte schwer und meldete sich dann unsicher.

  22. “Monsieur Layard, bitte verzeihen Sie die Störung, hier spricht Melanie – die Tochter von Patrik Vilars.” Nachdem Markus nicht antwortete sprach die junge Frau verhalten weiter: “Mein Vater weiß nicht dass ich Ihre Nummer aus seinen Unterlagen herausgesucht habe aber ich benötige dringend Ihre Hilfe. Lassen Sie es mich vorsichtig ausdrücken: Ich befürchte, ich bin in Etwas hineingeraten aus dem ich allein keinen Ausweg mehr weiß.”

  23. Andrea

    Als er den Hörer abgehoben hatte, hatte er dies nebenbei getan und sich eigentlich weiter auf seine Papiere konzentriert. Jetzt schaute er abrupt auf. Patrik Vilar, wer war das? Er hatte das Gefühl das Rattern seiner Gehirnwindungen im Pochen seiner Ohren zu hören. Die Dame schien durch sein anfängliches Schweigen irritiert: “Sind Sie noch da?”

  24. Sonja

    “Äh, ja, entschuldigen Sie, Miss… äh…”, Markus verfluchte sich für sein Stottern und die Unsicherheit, die in seiner Stimme durchklang, “Miss Vilar, wie kann ich Ihnen helfen?”

  25. Vilars – mittlerweile war ihm auch wieder eingefallen woher er den Namen kannte. Diese Erinnerung hätte er aber lieber in den hintersten Winkeln seines Gedächtnisses gelassen. Vilars war einer seiner Dozenten, buchstäblich für ihn die graue Eminenz. Während dieses einen Semesters zu Anfang seines Studiums hing er an dessen Lippen und sog alle Informationen in sich auf wie ein wissbegieriger Schwamm. Markus’ erstem Mandanten war es allerdings zu “verdanken”, dass Patrik Vilars mittlerweile sein Dasein im Rollstuhl fristet. Auch wenn er nur widerstrebend die Verteidigung des Schützen übernommen hatte, konnte er das unbewusst schlechte Gewissen nie vollständig ablegen. Der Anruf von Vilars Tochter konnte für ihn daher nicht überraschender kommen. Wieder einigermaßen gefasst hörte er nun zu, wie er der Tochter dieses Mannes behilflich sein konnte:

  26. Sonja

    “Monsieur, bitte entschuldigen Sie meinen Anruf, aber ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden kann.” Ihr Akzent klang in Markus’ Ohren gleichermaßen vertraut und befremdend. An irgendwen erinnerte es ihn, wie sie die Vokale kunstvoll miteinander verschlang, wie sie manche Worte ein wenig anders betonte als er es gewohnt war…
    Er riss sich zusammen, holte einmal tief Luft und sagte in seinem üblichen, freundlichen Anwaltston: “Bitte, bitte, das ist doch kein Problem, ich helfe Ihnen gerne, wenn ich kann. Aber was ist denn nun Ihr Problem?”

  27. Andrea

    Die Stimme am anderen Ende schluckte, er konnte es deutlich hören, dann herrschte kurze Stille. “Nun ja wissen Sie, es ist nicht so einfach für mich, das jetzt am Telefon zu erklären. Können wir uns irgendwo treffen? Am besten an einem neutralen Platz. Wissen Sie, es ist etwas delikat.”, sie schluckte erneut.

  28. “Einverstanden. Treffen wir uns morgen um 14Uhr an der Place de la Bastille. Dann können Sie mir erzählen was Ihnen am Herzen liegt.” Noch während er diesen Satz formulierte überkam Markus ein Bauchgefühl, auf das er besser hätte hören sollen. “Einverstanden Monsieur Layard, vielen herzlichen Dank dass Sie sich mit mir treffen. Bis morgen. Danke!” Man konnte die Erleichterung in ihrer Stimme förmlich spüren.
    Nach diesem kurzen Telefonat kamen beide nicht umhin den jeweiligen Gedanken nachzuhängen. Während es sich bei Markus hauptsächlich um Neugierde und Verwirrung handelte – litt Melanie deutlich mehr unter dem Chaos in ihrem Kopf. “Wie soll ich ihm das jemals beibringen? Soll ich einfach sagen: Monsieur Layard, danke das Sie mir zuhören. Was ich zu sagen habe? Nichts schlimmes, ich habe nur in Russland als Kunstattachée gearbeitet, währenddessen wertvolle Kunstwerke entwendet, am Schwarzmarkt weiterverkauft und muss jetzt fürchten dass meine damaligen Kontaktmänner hinter meine neue Identität gekommen sind mit der ich mich nach Frankreich abgesetzt habe und mich jetzt lieber tot als lebendig sehen möchten….” Kopfschüttelnd lehnte sich Melanie Vilars – so lautete zumindest ihr Mädchenname den sie nun nicht länger benutzen konnte – an die kühle Wand in ihrer kleinen Wohnung und hoffte inständig dass es nicht der falsche Weg war Layard um Hilfe zu bitten.

  29. Andrea

    So hat das damals begonnen, der Anfang vom Untergang. Und jetzt saß er hier in diesem scheiß Unwetter neben einem Mann, den er am liebsten nie getroffen hätte. Er schüttelte den Kopf und linste unter der Decke hervor, durch die mittlerweile schon der Regen drang. Es sah nicht danach aus, als würde der Regen bald nachlassen.

  30. Sonja

    Der andere Mann bewegte sich im Schlaf, sein Kopf glitt auf Markus’ Schulter hinab. Am liebsten hätte Markus ihn von sich gestoßen, aber dann wäre er aufgewacht – was noch schlimmer gewesen wäre. Also musste er es wohl oder übel so aushalten. Der Regen brachte zahllose Rinnsale mit sich, die über die Wandreste der Hütte und den Waldboden liefen, überall plätscherte und prasselte es. Wenigstens ließ der Wind allmählich nach. Ach, hätte er sich damals nicht mit Melanie getoffen… Wobei sie noch die geringste Schuld traf. Sie war selbst nur ein Opfer geworden – und er hatte sie mitten in die Falle gelockt.

  31. Wären nur damals nicht die Pferde mit ihm durchgegangen. Er sah in Melanie die einmalige Chance sein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Varter zu tilgen. Er konnte zwar die Tat seines Mandanten nicht ungeschehen machen, aber vielleicht würden so die schlechten Träume ein Ende nehmen. Nach Melanies Geschichte fühlte er sich in erster Linie überfordert. Wie sollte er ihr helfen oder sie sogar beschützen? Er – ein einfacher Anwalt, nicht besonders stark oder gar kampflustig. Sein einziger Gedanke führte ihn zu Richard – einem reichen und einflussreichen Klienten seiner Kanzlei. Auch wenn Melanie ihn um absolutes Stillschweigen gebeten hatte vertraute er sich diesem Mann in bestem Gewissen an. Wie hätte er zu diesem Zeitpunkt auch ahnen sollen, dass Richard eine dunkle Vergangenheit hatte und er ihm Melanie quasi auf dem Silbertablett auslieferte?
    Noch während er seinen verworrenen Gedanken nachhing wachte Ari neben ihm langsam auf.

  32. Sonja

    Am nächsten Tag, 14:03 Uhr, Place de la Bastille.
    Melanie Vilars lief unruhig auf und ab, während sie auf Markus Layard wartete. In der vergangenen Nacht hatten sie starke Zweifel befallen, ob das Treffen mit dem Zögling ihres Vaters wirklich eine so gute Idee war. Aber sie wusste nicht weiter, wusste nicht, wen sie sonst fragen könnte. Nun ruhte ihre ganze Hoffnung auf dem ihr noch unbekannten Mann, der am Telefon zwar freundlich, aber auch sehr verwirrt und abwesend geklungen hatte. Wenn er nur endlich käme…

  33. Andrea

    Es war ein heisser Sommertag und die Sonne brannte unbarmherzig auf ihn herunter. Markus lief das Wasser den Rücken hinab, direkt an der Wirbelsäule entlang – ein Nachteil eines Anzugs, aber als Anwalt mußte man ja seriös wirken. Er schaute sich auf dem Platz um, immer wieder wischte er sich mit einem Stofftuch über die Stirn. Dann sah er sie. Es konnte nur sie sein, wer sonst sollte so unruhig auf und ab laufen. Die Ähnlichkeit mit ihrem Vater war unglaublich, er hätte sie gar nicht übersehen können. Eine kurze Zeit blieb er stehen und beobachtete die junge Frau, deren Blick mittlerweile immer öfter – schon beinahe panisch – auf ihr Handgelenk wanderte um die Uhrzeit zu kontrollieren.
    “Madame Vilars?”, fragte er leise, als er sich dazu durchgerungen hatte sie nicht mehr länger warten zu lassen.

  34. Sonja

    “Monsieur Layard!” Erleichtert wie sie über sein Erscheinen war, rutschte ihre Stimme ein wenig höher als gewohnt. Sie räusperte sich und fuhr etwas leiser fort: “Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Kommen Sie, ich weiß ein kleines Café, in dem wir ungestört reden können.” Nach seinem zustimmenden Nicken führte sie ihn in das Café des Phares, in dem sie eine ruhige Ecke fanden. Er bestellte für sie und sich einen Kaffee, dann schaute er sie abwartend an.

  35. Andrea

    “Wissen Sie Monsieur Layard,”, begann sie und verstummte gleich wieder als die Bedienung den Kaffee an den Tisch stellte. Sie schaute sich um und fuhr dann fort: “Wissen Sie, mein Vater hat immer sehr viel von Ihnen gehalten, sogar nach dem Vorfall.”
    Markus nickte. “Das ist schön zu hören. Aber darum geht es jetzt nicht, richtig?” Sein Blick war erwartungsvoll und Melanie schluckte. “Nein, Sie haben Recht. Deswegen habe ich Sie nicht angerufen.”, sie verstummte erneut, als ein Pärchen kurz neben ihrem Tisch stehenblieb.

  36. Markus hatte zwar mit vielem gerechnet und versucht sich nicht die abstrusesten Bilder im Kopf auszumalen, aber die spürbare Nervosität von Melanie überraschte ihn dennoch. Was konnte dieser Frau widerfahren sein dass sie nervlich so aufgelöst war? Er selbst war seit jeher ein guter Beobachter – das bracht sein Job mit sich – und aus der attraktiven Dame ihm gegenüber konnte er im Moment praktisch lesen wie in einem offenen Buch. Ihre Augen gingen hektisch zwischen ihm selbst und den sie umgebenden Tischen hin und her. Auch konnten Melanies Hände keine Sekunde still liegen. Der Ringfinger ihrer linken Hand war schon ganz rot da sie praktisch pausenlos den eleganten schmalen Ring daran drehte. “Ob sie wohl verlobt war? Wenn das aber der Fall wäre, wieso bittet sie dann nicht einfach ihren Mann um Hilfe?” Langsam wurde Markus das Schweigen zwischen Ihnen schon fast unangenehm, musste er sich doch selbst eingestehen dass er wohl gerade auf Zuschauer eher wie ein starrender Platzhirsch wirken mochte. Andererseits – wer konnte es ihm schon verdenken? Melanie Vilars wirkte durch ihre Nervosität zeitgleich zerbrechlich und doch unglaublich stark. Ebenfalls gewann man den Eindruck, dass ihre smaragdgrünen Augen schon viel gesehen und miterlebt haben. Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er lange keine so charismatische und schöne Frau mehr intensiv angesehen.

    “Mädchen – reiß dich zusammen!” ging es Melanie währenddessen selbst durch den Kopf. Ihr eigener Vater hat immer den Satz geprägt “was man beginnt, muss man auch zu Ende bringen” – aber war jetzt der richtige Moment um auf hohle Phrasen zu hören? Eines war allerdings sicher: wenn sie Markus Layard nicht bald die Wahrheit sagte, würde er sie vermutlich für geistig verwirrt halten. Seinem starrenden Blick konnte Sie ja sogar jetzt schon kaum noch länger standhalten.
    Nach einem Seufzer der tiefer war als der Mariannengraben selbst, begann Melanie Vilars zum ersten Mal in ihrem Leben damit, einem Fremden ihre Geschichte zu erzählen:

  37. Sonja

    “Sie kennen ja meinen Vater, Monsieur Layard, aber vermutlich wissen Sie nichts von seinen Beziehungen in, nun ja, sagen wir geheimpolitischen Kreisen. Auf einem seiner Empfänge, die vorwiegend dazu dienen, seine Kontaktmänner ohne Aufsehen zu erregen treffen zu können, lernte ich einen jungen, attraktiven Mann kennen, dem ich sehr zugetan war. Mein Vater, aufmerksam wie er ist, bemerkte dies natürlich und warnte mich eindringlich vor einer zu intimen Beziehung und falschen Hoffnungen. Der Mann, nennen wir ihn Louis, war im Kunstgewerbe tätig. Da ich gerade ein Kunststudium begonnen hatte, machte ihn das für mich umso anziehender. Doch was ich nicht wusste, mein Vater dagegen nur zu gut, war, dass Louis keiner sehr ehrenhaften Tätigkeit nachging.” Melanie hielt kurz inne, um einen Schluck Kaffee zu trinken und fuhr dann fort: “Ich tat, was ich nicht tun sollte und ließ mich auf eine Beziehung mit ihm ein, die in einer schnellen Heirat endete. Er nahm mich mit nach Russland, wo er im Auftrag einiger Hintermänner Kunstwerke besorgen sollte, und schleuste mich in der Botschaft als Attaché ein. Sie wissen sicher von dem Mythos des Kulturattachés, der eigentlich Geheimdienstagent ist… Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber oft sind Mythen der Wahrheit näher als man denkt.” Ihre Hände umklammerten die Kaffeetasse, in die sie während ihrer letzten Sätze gestarrt hatte. Dann blickte sie auf,um zu sehen, wie Layard auf ihre bisherigen Worte reagierte.

  38. Andrea

    Da sie verstummte und es ihm schien, als ob sie eine Antwort erwartete erwiderte er: “Sprechen wir hier von Russenmafia?”, seine Stimme zitterte leicht und er hasste sich dafür, dass immer wieder Gefühlsregungen seine Stimmlage beherrschten. Er räusperte sich. “Bisher klingt die ganze Geschichte sehr abenteuerlich.” Er nahm einen Schluck Kaffee und wartete darauf, dass sie weitererzählte.
    Sie nickte. “Ja abenteuerlich und unglaublich, das ist mir durchaus bewußt. Aber so sind Geschichten manchmal und doch sind sie Realität.”

  39. Sie spürte, dass mit jedem ihrer Worte die Körperhaltung von Markus zurückgezogener und verschränkter wurde. Wie konnte sie ihn nur dazu bringen ihr zu helfen? Im Moment sah es eher danach aus als würde er am liebsten seine Tasche packen und im Sprint das Lokal verlassen. Mit der Gewissheit, dass nur Layard ihr helfen kann fuhr sie also fort:
    “Sehen Sie mich an. Ich selbst hätte noch vor wenigen Monaten nicht im Traum daran gedacht in einer so verfahrenen Situation zu stecken. Damit sie die Zusammenhänge besser verstehen Monsieur: mein Ehemann zählt in Russland zu den jüngsten und zugleich angesehensten Geschäftsmännern die Kontakte sowohl ins europäische Ausland als auch im Innland zu pflegen wissen. Wie es aber oft ist: wer schon Geld hat möchte mehr davon – viel mehr um genau zu sein. Für ihn kam ich gerade recht! Eine junge attraktive Französin, kultiviert, intelligent, in den richtigen Kreisen geborgen und vernarrt in ihn. Am Anfang habe ich mich durch sein Engagement geschmeichelt gefühlt! Welche junge Kunststudentin hätte schon die Chance ausgeschlagen als Attachée zu arbeiten?”
    Gedankenversunken nahm sie einen weiteren Schluck Kaffee. “Hätte ich nur damals schon gewusst was ich heute begriffen habe. Meinem Mann ging es in keinster Weise um Liebe oder mich als Person, für ihn zählte nur meine leichte Beeinflussbarkeit. Er wusste ich würde ihm keinen Wunsch abschlagen – nicht einmal einen der mit meinem Gewissen nicht zu vereinbaren ist und mein Leben in Gefahr bringt. Sie müssen mich jetzt bestimmt für schrecklich naiv halten – aber so sind wir Frauen nun einmal. Wenn Amor in Reichweite seine Pfeile bereithält verliert der Verstand sehr schnell das Duell zwischen beiden.”
    “Wie schön sie ist, mit ihrer zierlichen Silhouette und den geröteten Wangen” ging es Markus durch den Kopf. “Nach außen hin so stark und trotzdem so verletzlich.” Melanie bemerkte seinen gedankenverlorenen Blick und geriet ins Stocken:

  40. Sonja

    Die Erinnerung an ihre Verletzlichkeit verzog Markus’ Mundwinkel ungewollt zu einem traurigen Lächeln.
    Ari rappelte sich auf und blieb an der Decke hängen, die sie immer noch schützend über sich ausgebreitet hatten. Sie rutschte zur Seite und ein Wasserschwall ergoss sich über Markus’ linke Seite. “Kannst du nicht aufpassen?”, schnautzte er Ari an.
    “T’schuldigung”, murmelte dieser und versuchte, die Decke wieder zurecht zu ziehen. Allmählich ließ der Regen nach, das Gewitter hatte sich schon seit einer Weile verzogen. Aber es wurde langsam dunkel, bald würde es stockfinster sein und so beschlossen sie, die Nacht in der verfallenen Hütte zu verbringen, auch wenn Markus überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken war.

  41. Andrea

    Ari schaute sich nun da er wach war genauer um und murmelte dann an Markus gewandt: “Wo sind wir hier? Wie sind wir hier her gekommen?”
    Markus mußte sich zusammenreißen um nicht zu brüllen oder dem Mann an den Kragen zu springen. Er atmete tief durch und erwiderte dann immer noch mit einem wütenden Unterton in der Stimme: “Wie wir hierher gekommen sind? Fragst du mich das allen Ernstes?”
    Ari hatte die Wut herausgehört und stutzte: “Ist was? Du klingst so…”, er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, denn dann war Markus über ihm und warf ihn zu Boden. Als er über ihm war, schlug er ihm mit der Faust ins Gesicht. Zweimal, dreimal. Beim vierten Mal hielt er inne und ließ sich zurückfallen. Er war unfähig etwas zu erwidern und starrte nur in die aufziehende Dunkelheit.

  42. Sonja

    “Bitte, reden Sie weiter”, forderte Markus Melanie auf.
    Sie faltete nervös das leere Zuckerpapiertütchen zwischen ihren Fingern und glättete es wieder, während sie fortfuhr: “Nun, um es kurz zu machen: Ich half Louis, wertvolle Gemälde zu kopieren, auszutauschen und aus dem Land zu schleusen.” Melanie schaute sich etwas panisch in dem vollen Café um, Markus folgte ihrem Blick automatisch. Doch es schien, als interessiere sich keiner der Gäste für sie und ihr Gespräch. Dabei entging beiden eine etwas ältere Dame, die nur wenige Tische weiter saß und in einem Schundroman blätterte, während sie ihnen aufmerksam zuhörte.

  43. “Verstehe ich Sie richtig Melanie – ich darf doch Melanie sagen? – dass Sie durch Ihren Mann von einer Kunststudentin zur Kunstdiebin wurden? Bitte verzeihen Sie meine Direktheit, aber Ihre bisherige Geschichte versetzt sogar mich alten Hasen noch ins Staunen.”
    Er hätte ja mit vielem gerechnet, aber Markus musste sich wirklich eingestehen dass diese junge Frau es geschafft hatte ihn zu verblüffen. Wie blind konnte Liebe machen? Was muss alles passiert sein dass Sie ohne zu zögern ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt hat? Schlimmer sogar, vielleicht auch noch ihr Leben?
    Melanie errötete und fühlte sich unbehaglich durch diese direkte und unverblümte Reaktion seinerseits. Hatte sie vielleicht doch zu große Hoffnungen in Layard gesetzt? Sie erwiderte etwas reservierter:
    “Wenn man so möchte kann man es wohl so ausdrücken Monsieur Layard. Ich kann nicht gerade behaupten stolz auf meine Vergangenheit zu sein, doch holt sie mich im Moment rasanter ein denn je! Nach den ersten Transaktionen die Louis und ich durchgeführt haben versuchte ich von Mal zu Mal ihn zum Aufhören zu bringen. Ich verrate vermutlich nicht zu viel wenn ich sage, dass er durch die Aussicht auf noch mehr Gewinne bzw. höhere Summen keine Sekunde daran dachte sich auf sein Gewissen zu besinnen. Im Gegenteil: die Geschäftspartner wurden immer obskurer und die Zeitabstände kürzer. Er war besessen von dem Adrenalinrausch seiner Aktionen und ließ dadurch seinen wahren Charakter zum Vorschein kommen. Lassen sie mich ehrlich sein: ich bekam teilweise regelrecht Angst vor ihm. Dieser abwesende starrende Blick in den Augen mit dem nervösen Zucken seiner Lider – er wirkte in manchen Augenblicken unberechenbar.” Während sie von ihrer Ehe sprach kam Markus nicht umhin zu bemerken, dass sie immer blasser wurde und ihr der Schrecken immernoch in den Knochen steckte. “Ich komme aber zum Wesentlichen Monsieur Layard: ich habe mich nach langer – wahrscheinlich zu langer – Zeit dazu entschlossen meine Koffer zu packen und diesem Leben den Rücken zu kehren. Unsere Kontaktmänner in Russland konnten und wollten meine Entscheidung aber nicht im Geringsten gutheißen. Seit dem Tag meines Entschlusses befinde ich mich auf der Flucht und muss jede Sekunde damit rechnen dass jemand seinen Auftrag erfüllt und mein Leben beendet sehen möchte.” Zitternd nahm sie die Hand von Markus. “Helfen Sie mir! Bitte!”

  44. Andrea

    Er schaute sie Ernst an. “Das würde ich jetzt nicht nur als ein Problem bezeichnen sondern als ein ausgewachsenes Chaos. Nachdem was sie erzählen sind Sie in ernsthafter Gefahr. Werden Sie verfolgt?”
    Melanie zuckte mit den Achseln. “Ich weiß es nicht, ich fühle mich in jeder Situation beobachtet und verfolgt, sogar jetzt wo ich hier mit Ihnen sitze. Wenn Louis mich findet wird dies nicht gut enden. Ich habe zuviele Informationen, die ihm Kopf und Kragen kosten können. Was soll ich nur tun?”
    Markus überlegte angestrengt während er den Löffel in seiner beinahe leeren Kaffeetasse immer wieder kreisen ließ. Er beobachtete die Kreise, die das Rühren im verbliebenen Kaffee erzeugte. Dann schaute er Melanie direkt an. “Kommen Sie mit.”

  45. Sonja

    “Wie meinen Sie das – kommen Sie mit? Wie stellen Sie sich das vor? Ich möchte Sie nicht auch noch in Gefahr bringen… Gut, das habe ich schon allein dadurch, dass ich Ihnen alles erzähle, aber… Sie haben einen Ruf zu verlieren, einen Job, vielleicht, oder besser wahrscheinlich Ihr Leben. Das kann und möchte ich nicht von Ihnen verlangen.” Sie verstummte und starrte auf seinen kreisenden Löffel. Was für schöne Hände er hat, fuhr es ihr durch den Kopf, ein bisschen zu groß, aber stark und sanft zugleich.
    “Hören Sie auf damit und kommen Sie mit”, sagte Markus kurzerhand. “Was ich riskiere, ist meine Sache.” Er winkte dem Kellner zu, zahlte und griff nach ihrem Arm. Schnellen Schrittes verließen sie das Café ohne zu merken, dass die alte Dame das Geld für ihre Rechnung auf ihren Tisch legte und ihnen folgte; der Schundroman blieb unbeachtet liegen.

  46. zur selben Zeit viele Kilometer entfernt in Russland:
    “Michail, haben Sie Ergebnisse für mich? Haben Sie mittlerweile herausgefunden wo sich meine Frau dieses kleine Miststück versteckt hält? Sie wissen, dass diese Operation oberste Priorität hat. Wenn wir sie nicht bald in die Finger kriegen rollt mein eigener Kopf.”
    Louis schwarze lockige Haare standen wild zerwühlt vom Kopf ab während er den Hörer auf den Tisch knallte. Wie konnte ihm nur so ein gravierender Fehler unterlaufen? Wie konnte er sich so in Melanie täuschen? Er war sich sicher dass diese kleine naive Ding im hörig war… Weit gefehlt! Ihm lief die Zeit davon. So schnell würde er keinen Ersatz bekommen der mit einer vergleichbaren Fingerfertigkeit Schlösser öffnen und Kunstwerke nachahmen konnte. Er war sich sicher – sein Auftraggeber würde dafür aber nicht das geringste Verständnis aufbringen, wozu auch. Für ihn war selbst Louis nur ein kleiner Fisch unter vielen, austauschbar, eliminierbar. Er musste sich schleunigst etwas einfallen lassen! Noch während sich Louis über seine verfahrene Situation die Haare raufte klopfte es energisch an der schweren Eichenholztür zu seiner Linken:

  47. Andrea

    “Zdes”, fauchte er wütend. War er eigentlich nur von Idioten umgeben? Wenn nicht bald etwas geschah, dann mußte er selbst aktiv werden, es stand schließlich viel auf dem Spiel. Zögerlich wurde die Tür geöffnet und Anton trat ein. Der junge blonde Mann mit dieser unscheinbaren, dürren Statur war einer seiner besten Bediensteten, ihm konnte man einfach alles anvertrauen. Er war nicht so hinterlistig wie diese Schlampe von Melanie. Louis knirschte mit den Zähnen. “Die anderen sind anscheinend alle unfähig, deshalb möchte ich dich damit betrauen Melanie zu finden!”
    Anton nickte schweigend – er wußte wann es besser war zu schweigen, gerade bei einem so aufbrausenden Chef.
    “Ich denke sie ist in Frankreich, sicher ist sie das, wo sollte sie auch sonst sein?”, vor allem die letzten Worte waren mehr für ihn selbst bestimmt.
    Anton nickte erneut. “Paris, natürlich. Ich mache mich sofort auf dem Weg.”, ohne eine Antwort abzuwarten oder gar weitere Anweisungen, verließ er schnellen Schrittes den Raum durch dieselbe schwere Eichenholztür, durch die er gekommen war.

  48. Sonja

    Während Markus mit Melanie aus dem Café eilte, überlegte er, was er da gerade eigentlich tat. Wie sollte er der jungen Frau nur helfen? Eigentlich hatte er schon genug Probleme am Hals – und noch viel zu viel Arbeit auf dem Schreibtisch. Er zog sie hastig hinter sich her, bis sie ihn am Ärmel packte und sagte: “Bitte, beruhigen Sie sich etwas, so fallen wir nur noch mehr auf.” Ihr flehentlicher Blick brachte ihn kurz zur Vernunft. “Sie haben Recht. Ich weiß nur noch nicht so genau, wie ich Ihnen helfen kann.” Verzweiflung machte sich in ihm breit und verstärkte sich, als er die Furcht in ihren Augen aufflackern sah.

  49. Andrea

    “Wir finden schon eine Lösung für Ihr Problem, glauben sie mir. Jetzt kommen Sie erst einmal mit zu mir.”, mit seinen Worten versuchte er sich selbst Mut zuzusprechen, dich es gelang nicht wirklich.
    Melanie schaute ihn zweifelnd an. “Zu Ihnen? Sie wissen aber, dass Sie sich damit selbst in Gefahr begeben? Was wenn man mich bei Ihnen aufspürt? Nein, das ist keine gute Idee.”
    Markus wollte sie trotz ihrer Worte weiterziehen, doch sie weigerte sich.

  50. Sonja

    Da er keine Szene auf offener Straße wollte – ein paar Passanten schauten schon skeptisch – ließ er ihren Arm los und sagte resigniert: “Na gut, haben Sie einen besseren Vorschlag?”

  51. “Wir brauchen einen neutralen Ort der nichts mit unseren beiden Wohnungen zu tun hat. Das wäre viel zu gefährlich. Louis hat mit Sicherheit schon alle Hebel in Bewegung gesetzt mich finden zu lassen und vertrauen Sie mir: es wollte noch niemand gerne von ihm gefunden werden!”
    Markus nahm erneut ihren Arm – diesmal aber wesentlich sanfter – und führte Sie zu einer kleinen Bank an der nächsten Straßenecke. “Kennen Sie denn jemanden dem Sie vetrauen können Melanie? Jemanden den Ihr Mann eventuell nicht kennt, mit dem er Sie nicht in Verbindung bringt? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich befürchte es ist jede Unterstützung nötig die wir bekommen können.”
    In Gedanken versunken beobachtete Melanie einen Schwarm Tauben der rings um ihre Bank pickend den Boden absuchte. An irgendetwas erinnerten Sie diese Vögel, aber es wollte ihr partout nicht einfallen. Einen kurzen Moment später gab es einen lauten Knall und alle Tauben stoben wild flatternd auseinander. Genau dieses Bild hatte Melanie offensichtlich zu ihrer Erinnerung noch gefehlt. Mit einem euphorischen Schimmer Hoffnung in den Augen drehte sie sich zu Markus: “Markus, mir ist etwas eingefallen. Das könnte unsere Rettung sein! In meinen Grundschulzeiten hatten meine Freundin Claudine und ich immer einen Lieblingsort. Die Eltern ihres Kindermädchens besaßen eine kleine Pension an der Stadtgrenze von Paris. Dort durften wir immer spielen und uns in den Dachkammern verstecken. Lassen Sie uns herausfinden ob es diese Pension noch gibt. Louis würde uns dort im Leben nicht vermuten. In seinen Augen haben nur Hotels der Luxuskategorie eine Daseinsberechtigung verdient.”

  52. Andrea

    Markus hatte nur mit halbem Ohr zugehört, seine Gedanken überschlugen sich. Normalerweise hatte er eine gute Menschenkenntnis und man sagte ihm auch in gewisser Weise einen siebten Sinn nach und gerade jetzt, hier auf dieser Bank hatte er wieder eines dieser schlechten Gefühle, die sich bisher selten geirrt hatten. Der Knall von eben hatte ihn zusammenzucken lassen und sein Blick musterte nervös die Umgebung. Während Melanie einfach weiterredete fragt er sich, was das wohl für ein Knall gewesen war. Sein Blick blieb an einer älteren Dame hängen, die eine Bank weiter saß und Tauben mit Krümeln eines Baguettes fütterte. Wo hatte er diese Frau schon einmal gesehen? Er vergaß selten Gesichter – ein wichtiger Vorteil in seinem Job – und dieses Gesicht hatte er schon einmal gesehen.

  53. Ari krümmte sich vor Schmerzen am Boden und schlang die Arme schützend so fest es ging um seinen Körper. Er war Schmerzen gewohnt, aber diese trafen ihn unvorbereitet. An der Unterlippe hatte er wegen Markus Schlägen eine tiefe Platzwunde die stark blutete. Er spürte wie ihm das warme Blut übers Kinn lief und sich mit den Regentropfen vermischte. So eine kräftige Rechte hätte er diesem Anzugträger garnicht zugetraut. Vermutlich gerade deswegen war er von Markus Wutausbruch so blindlings erwischt worden.
    Er hätte es besser wissen müssen: Unterschätze nie deinen Feind! So lautete damals die erste Regel während seiner Militärausbildung. Sein eigener Auftrag war klar: “Lass ihn nicht aus den Augen Ari! Ich vertraue dir, gib dir also Mühe. Am besten ist, du gibst dich unscheinbar und achte auf deine Aussprache. Er darf auf keinen Fall merken woher du ursprünglich stammst. Nur wenn er sich in Sicherheit wiegt werden wir an unsere Informationen kommen. Reiß dich also zusammen!” Er hatte noch den genauen Wortlaut und eiskalten Tonfall seines Chefs im Ohr. Im Moment lief die Sache aber offensichtlich aus dem Ruder. “Ich muss mir schleunigst etwas einfallen lassen um diesen armen Irren wieder milde zu stimmen sonst ist meine Lippe noch das geringste Problem. Louis müsste nur einmal mit dem kleinen Finger schnippen und seine Wunschperson wird liquidiert. Stöhnend drehte er sich vorsichtig und langsam in Markus Richtung. “Es tut mir Leid! Ich wollte nicht dass wir uns verlaufen. Das musst du mir glauben. Ich weiß selbst nicht wann ich die Orientierung verloren habe. Dieser verdammte Regen… Wir finden gemeinsam eine Lösung – ich bin mir sicher. Markus, wir sind doch ein gutes Team.” Zaghaft versuchte er zu lächeln aber zuckte wegen seiner Lippe schnell wieder zusammen. Der Ausdruck in Markus Augen begann aber sogar Ari zu verunsichern und seine Worte unterstrichen dieses Gefühl nur noch:

  54. Andrea

    Es war der pure Hass. Ari überlegte, ob er ein ähnliches hasserfülltes Blitzen schon einmal gesehen hatte und ihm fiel dabei nur Louis ein. Louis, wenn er kurz davor stand jemanden zu töten – oder man mußte wohl eher sagen: töten zu lassen, denn Louis tötete nie selbst. Nicht dass er es nicht könnte, oh nein, aber er machte sich nicht die Finger schmutzig. Dafür hatte er seine Leute. Ari schüttelte den Kopf um die Gedanken zu vertreiben und fuhr an Markus gewandt fort: “Wenn die Sonne aufgeht gehen wir weiter. Ich weiß schon, wo wir am Besten hingehen.”
    Markus kochte. Allein die Aussage von Ari: Wir sind doch ein gutes Team. brachte ihn an den Rande des Wahnsinns. Er mußte diesen Verrückten endlich los werden. Mittlerweile war er so weit, dass er auch nicht mehr davor zurückschreckte seinen Begleiter, wenn nötig, irgendwo einen Abhang hinunterzuschubsen. Nach dem was die letzten Wochen passiert war, war sowieso alles egal, wieso also sollte er diesen falschen Freund nicht einfach töten?
    Markus hoffte dass die Dunkelheit bald von der Sonne vertrieben wurde, denn diese Schwärze machte ihn nur noch aggressiver. Was war nur mit ihm los? Er konnte sich diese extremen Stimmungsschwankungen nicht erklären.
    Als er keine Antwort erhielt setzte sich Ari in die andere Ecke und zog die Knie eng an den Körper. Er durfte heute Nacht nicht schlafen, zuviel stand auf dem Spiel. Die Situation schien ihm zu entgleiten, etwas, was er nicht gewohnt war.

  55. Sonja

    Wäre Melanie noch bei ihm, würde sie aufpassen, dass er sich nicht so gehen ließ, dachte Markus eine Weile später. Wie ruhig sein Leben doch gewesen war, ehe er sie kennen gelernt hatte! In den letzten Wochen hatte er mehr durchgemacht, als er ertragen konnte. Und diese Ungewissheit, was mit Melanie war, seit sie in die Hände der Russen gefallen war… Ob sie überhaupt noch lebte? Diese Unsicherheit war der einzige Grund, warum er Ari noch nicht getötet hatte. Ja, getötet – selbst dazu wäre er inzwischen in der Lage, er, der nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun konnte. Ari… dieser komische Typ, der erst einen auf Freund machte und sich dann verriet. Markus konnte nur hoffen, dass Ari noch nicht gänzlich durchschaut hatte, was er über ihn wusste. Sonst würde er ihn zweifellos sofort beseitigen. Aber das durfte Markus nicht zulassen: Solange nur die geringste Hoffnung bestand, dass Melanie noch am Leben war, würde auch er überleben.
    Er behielt Ari im Blick, während er sich einen Weg aus dieser verfahrenen Situation überlegte.

  56. Die kleine Pension an der Grenze des 19ten Arrondiessements von Paris wirkte wie aus einem Märchenbuch abgezeichnet. Die Fassade mit gleichmäßig übereinanderlappend verlegten Holzschindeln, cremefarben wie die Füllung von Eclairs. Die Giebel eingefasst mit den typischen Blechbeschlägen die durch Rost und Patina im Sonnenlicht schon immer ein faszinierendes Farbenspiel ergeben haben. Selbst die dunkelgrünen Fensterläden im Dachgeschoss hingen noch leicht schräg in ihren Angeln und boten den perfekten Rahmen für die das Häusermeer überragende Aussicht auf die Kuppeln von Sacre Coeur.
    Melanie fühlte sich wie benommen. Konnte hier wirklich die Zeit stehengeblieben sein? Sie rechnete jeden Augenblick damit dass Claudine lachend um die Ecke gelaufen kam und sie aufforderte etwas von der frischen Tarte am Küchenfenster zu stibizen. Mit keinem Ort in ganz Paris verband sie so viele wunderschöne Kindheitserlebnisse die sie jetzt ohne Vorwarnung wieder einholten. Wäre die Gesamtsituation nicht so verwirrend und paradox könnte man sagen, dass Melanie seit langem das erste mal wieder ein Gefühl von Glück überkam.
    Tief im Inneren spürte sie dass es genau die richtige Entscheidung war hier her zu kommen! Auch der völlig verblüffte aber positiv überraschte Gesichtsausdruck von Markus bestärkte sie darin. Markus… War auch er vielleicht ein kleines Stück dafür verantwortlich dass sie glücklich war? Nichts auf diesem Planeten könnte sich mehr von Louis unterscheiden als dieser Ort. Er wäre so falsch in diesem perfekten Bild gewesen, aber Markus?
    Noch ihren Tagträumen nachhängend hätte sich nicht zu träumen gewagt dass die Recherchen ihres Mannes selbst den hintersten Winkel ihrer Vergangenheit beleuchtet hatten – leider auch den noch so verborgen geglaubten…

  57. Andrea

    Markus betrachtete Melanie während sie so das Gebäude anstarrte und ihren Kindheitsträumen nachhing. Er bemerkte die Veränderung, die in ihr vorging, diese Anspannung, die plötzlich von einer Sekunde zur nächsten von ihr abfiel. Eine ganze Weile stand er einfach nur da und beobachtete sie und fragte sich selbst was er hier eigentlich tat. War es eine gute Idee gewesen mit zu kommen? Steckte er jetzt nicht auch schon mitten drin?
    Seine Gedanken kehrten zu Melanie zurück und auch sein Blick wand sich von der Fassade der Pension wieder der Frau neben ihm zu. “Du bist sicher, dass man dich hier nicht vermutet?”
    Sie nickte stumm, nach wenigen Minuten erwiderte sie leise: “Niemals könnte Louis den Zauber dieses Ortes brechen.”, wieder kehrte Stille ein bis Melanie erschreckt bemerkte, dass sie die letzten Worte laut ausgesprochen hatte und suchte schnell Markus Blick. Er schien diese Bemerkung gar nicht so verrückt zu finden, denn er entgegnete leise und vielleicht auch ein wenig verträumt: “Vermutlich hast du Recht.”

  58. Sonja

    Kurz darauf schlug Melanie den Türklopfer der Pension gegen die alte, etwas schiefe Holztür. Ein dunkler Ton hallte durch das Haus, doch es dauerte eine ganze Weile, bis sich die Tür knarzend öffnete. “Wir vermieten nicht mehr”, brummte ein vom Alter gebeugter Mann mit krummen Beinen. Alles an ihm schien faltig – sein Gesicht, seine Hände, selbst seine zu großen Kleider. Er wollte die Tür schon wieder schließen, als Melanie sie mit ihrer Hand ein Stück aufdrückte. “Monsieur Clairmont, ich bin es – Melanie Vilars! Ich war früher oft mit Claudine hier, erinnern Sie sich?”
    Seine Stirn zerfurchte sich in noch mehr Falten und Markus schien es, als könne man dem Mann beim Nachdenken zusehen. “Vilars, Melanie…”, murmelte der Alte vor sich hin, dann schüttelte er den Kopft. “Tut mir leid, ich… nein, das sagt mir nichts.”
    Melanie wollte schon aufgeben – vielleicht litt der alte Mann an Demenz oder er konnte sich wirklich nicht erinnern? – dann fiel ihr etwas ein, eine Begebenheit aus ihrer Kindheit mit Claudine. Daran würde er sich bestimmt erinnern:

  59. “Babbou – so haben wir dich früher immer genannt. Wie ein grimmiger Bär hast du uns Mädchen durch den Garten gescheucht wenn wir dir wieder deinen Lieblingskuchen versteckt haben um ihn uns später selbst am Dachboden schmecken zu lassen. Weißt du noch der Sommer als es so heiß war? Wir haben so getan als wären wir ägyptische Prinzessinnen und du solltest unser Leibwächter sein weil der Nachbarsjunge immer mit Steinchen nach uns geworfen hat. Das war auch der Sommer als Claudines Unfall passiert ist.” Markus zuckte leicht zusammen als Melanie während sie mit zitternder Stimme weitersprach unbewusst seine Hand nahm. “Claudine konnte von ihrer Rolle als Kleopatra garnicht genug bekommen Babbou. Sie war der festen Überzeugung dass ihr die ganze Stadt zu Füßen liegen würde wenn sie nur hoch genug über ihr stand. Bis zur Spitze von Sacre Coeur wollte sie schauen können.” Melanies Stimme geriet ins Stocken und eine traurige Mine legte sich über ihr Gesicht. “Ich wollte sie noch davon abhalten aber sie kletterte immer höher und noch höher. Das Dach war schon damals nicht in besonders gutem Zustand und so löste sich eines der Bleche. Mit einem markerschütternden Schrei verlor Claudine das Gleichgewicht und stürzte ungebremst von der Kante des Daches.” Jetzt war es Markus der ihre Hand fester umschloss um ihr Kraft zu geben. “Babbou – du warst als erster bei Claudine weil du gerade die Obstbäume abgepflückt hast. Ich werde nie vergessen wie sie dalag – so klein und zerbrechlich. Das linke Bein komisch nach innen verdreht. Die Augen geschlossen und kreidebleich im Gesicht. Du hast ihr ganz sanft über die Wange gestreichelt und bist dann so schnell du laufen konntest in die Küche geeilt um deinen Freund Doktor Nonté anzurufen. Claudine lag danach 3 Wochen im Koma und du bist nicht von ihrer Seite gewichen. Ich habe erst lange danach begriffen dass du sie lieb gehabt hast als wäre sie deine eigene Enkelin und nicht nur das Ziehkind von deiner Tochter. In den Tagen ohne Claudine hast du mich immer in den Arm genommen und wir haben zusammen Sternschnuppen gezählt. Mit deiner tiefen Brummbärstimme hast du mir ins Ohr geflüstert: Du musst dir nur so fest es geht wünschen dass deine Kleopatra zurückkommt, dann klappt das auch. Sternschnuppen können nämlich zaubern kleine Melanie.”
    Bei diesem Satz ging eine Veränderung in dem alten Mann vor. Er schien plötzlich um Jahre jünger zu sein und seine Augen wirkten viel klarer. Mit rauer Stimme sagte er: “Großer Gott – die kleine Melanie – kann das sein? Bist du es wirklich?”

  60. Sonja

    “Oh Babbou…” Melanie stürzte in seine Arme wie sie es früher immer getan hatte. Er war zwar nicht mehr der große, starke Bär, aber seine Arme umfingen sie genauso herzlich wie vor Jahren. Eine Träne lief über die runzligen Wangen des alten Mannes, weil er sich so sehr freute, Melanie wiederzusehen.
    “Kommt herein”, bat er sie, nachdem sie sich wieder voneinenander gelöst hatten. Er hielt Melanies Hand fest in der seinen und führte sie hinein. Markus schloss die Tür hinter ihnen, nicht ohne einen aufmerksamen Blick über die leere Straße wandern zu lassen. So ganz traute er der Sache nicht.
    Er ging Melanie und dem alten Mann in die Küche hinterher. Der Wasserkessel stand schon auf dem Gasherd, die angemackten Tassen hingen am Bord darüber. Die Küche sah, wie das ganze Haus, sauber, aber abgenutzt aus. Dicke Vorhänge ließen kaum Licht herein, winzige Staubflusen flogen in den wenigen Sonnenstrahlen wild durcheinander. Markus konnte sich gut vorstellen, dass Melanie sich hier früher wohl gefühlt hatte. Diese schwelgte gerade mit Babbou in alten Erinnerungen. Der alte Mann war richtig aufgeblüht in den wenigen Minuten, die seit ihrer Ankunft vergangen waren.
    Als der Teekessel pfiff, holte Markus drei Tassen vom Bord, hängte Teebeutel in die Kanne und stellte alles auf den abgenutzten Tisch. Melanie erklärte Babbou gerade, dass sie für ein paar Tage ein bisschen Ruhe brauche, einmal raus müsse aus dem ganzen Alltagstrott, und fragte, ob sie bei Babbou bleiben könnten. Dieser wiegte nachdenklich den Kopf. “Seit Mathilde nicht mehr lebt, hatte ich keine Gäste mehr. Ich kann euch nichts bieten, die Zimmer habe ich seither nicht mehr geputzt… Wenn euch das nichts ausmacht, seid ihr herzlich willkommen.” Sein Blick streifte Markus, der bisher noch kein Wort gesagt hatte.

  61. Andrea

    Markus nickte dem alten Mann lächelnd zu, obwohl er nicht wußte, ob das hier so eine gute Idee war. Was wenn man sie hier fand? Konnte das nicht auch für den alten Mann gefährlich werden. Melanie sah Babbous Blick und schlug sich an die Stirn.. “Oh, entschuldige, ich habe ganz vergessen euch vorzustellen. Das ist Markus Layard, mein Freund.”, sie zwinkerte Markus zu. “Und Markus, das ist Monsieur Clairmont.” Die beiden Männer reichten sich die Hände. Der Blick des alten Mannes ruhte lange auf Markus, was diesem einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Es war etwas in den alten, grauen Augen des Mannes, etwas wissendes, was ihn erschrak. Babbou wand sich wieder an Melanie. “Ich hoffe du hast mit ihm den Prinz getroffen, den du immer gesucht hast.”, er lächelte und strich Melanie über die leicht geröteten Wangen, wie er es immer gemacht hatte, als sie noch klein war. Es fühlte sich beruhigend an und kühlte außerdem ihre glühenden Wangen. Der alte Mann lächelte. “Weswegen seid ihr hier?”
    Melanie sah hilfesuchend zu Markus, dessen Blick verständnislos zwischen Monsieur Clairmont und Melanie hin und her wanderte. Als er ihren Blick bemerkte räusperte er sich verlegen. “Nun ja, Monsieur Clairmont. Wir wollten fragen, ob Melanie vielleicht eine Zeitlang hier bei Ihnen wohnen kann.”, er fragte sich wieso seine Stimme bei diesen Worten so gezittert hatte.
    Babbou schaute von Melanie zu Markus und wieder zu Melanie. “Bist du in Schwierigkeiten, Mädchen?”

  62. Marion

    Es war erstaunlich. Schon damals konnte Babbou ihr an der Nasenspitze ansehen wenn etwas nicht stimmte. Dieses Mal war die Situation nur um ein Vielfaches verfahrener. Während Melanie nach dem passenden Einstieg suchte und jedes Wort im Mund drehte wie einen Kirschbonbon musterte Markus den alten Mann. Auf den ersten Blick hätte er Monsieur Clairmont eher für einen Fischer aus der Normandie oder einen Hirten aus der Auvergne gehalten. Der Teint sonnengebräunt und die Haut wettergegerbt. Ein Einzelgänger wie er im Bilderbuch steht. Bestimmt war er in seinen jungen Jahren ein sehr attraktiver und charismatischer Mann. Durch die vielen Falten und Spuren seiner Mimik sah Babbou – wie Melanie ihn so liebevoll genannt hatte – aus wie ein Mensch, der in seinem Leben schon viel gesehen und noch mehr miterlebt hat. Aber die Augen… Irgendetwas an den grün-grauen Augen faszinierte ihn. Sie konnten blitzschnell den Ausdruck wechseln von einem warmen, weichen und sanften hin zu einem wachsam-bedrohlichen Blitzen. Wenn Markus ehrlich war erkannte er in einzelnen Zügen sogar sich selbst wieder. Würde er es im Leben auch soweit bringen wie Monsieur Clairmont? Ein erfülltes Leben mit seiner großen Liebe führen und ihr Andenken bewahren auch wenn nur noch einzelne Fragmente im Alltag an sie erinnerten? Hegte Melanie vielleicht sogar den Wunsch in einem Haus wie diesem alt zu werden? Noch während Markus in seine Gedanken zum Altwerden vertieft war und Melanie weiterhin überlegte wieviel sie Babbou anvertrauen und zumuten konnte hätten alle Anwesenden lieber den Blick nach draußen gewandt. Nur so wäre ihnen vielleicht der rot-orange-grau karierte Filzmantel der alten Dame aufgefallen, der sie heute wie zufällig schon mehrfach begegnet waren.

  63. Andrea

    Sie war mehr zufällig hier vorbeigekommen, oder zumindest machte es für einen Außenstehenden den Eindruck. Es war eine alte Dame, deren rot-orange-grauer Filzmantel viel zu groß war für die hagere, gebückte Gestalt. Sie hatte einen breitkrempigen, braunen Hut auf dem Kopf, der sie nicht nur vor der Sonne schützte sondern gleichzeitig auch einen genaueren Blick auf ihr Gesicht verwehrte. Sie hatte einen kleinen, weißen Hund an der Leine – eben eine alte Dame, die ihren Hund Gassi führte . es war einer der kleinen weißen Hunde, die man aus diversen Werbespots für Hundefutter kannte, ein West Highland White Terrier. Der Hund passte wie angegossen zu seinem Frauchen. Eine Weile stand sie schweigsam an der Straßenecke und betrachtete das Pärchen, das vor dem alten Haus stand und sich mit dem Besitzer unterhielt. Sie konnte nicht hören, was gesprochen wurde, es war ihr aber auch egal. Als die beiden ins Haus verschwunden waren, räusperte sie sich kurz leise, bückte sich um ihren Hund kurz zu tätscheln und verschwand mit einem kurzen Blick auf das Straßenschild wieder um die Ecke.

  64. Marion

    zur gleichen Zeit in der Residenz von Louis:
    Der Raum war dunkel und stickig, die Regale bis zur Decke gefüllt mit alten in Leder gebundenen Büchern die zum Teil nur noch von einzelnen Bindfäden zusammengehalten wurden. Vor den Fenstern waren schwere Jalousien aus Massivholz montiert worden um allzu neugierige Blicke von Außen abzuhalten. Jeder Millimeter dieses Hauses wirkte einschüchternd und bedrohlich. Strenge und Protz vereinten sich hier besser als irgendwo sonst. Allein die Bücher waren ein Vermögen wert, aber daran wagte Anton nicht einmal einen Gedanken zu verschwenden. Er hatte einen Auftrag von Louis erhalten und jeder der Ihn länger als ein paar Atemzüge kannte war sich völlig im Klaren über eine Tatsache: lass ihn unter keinen Umständen warten! Anton kannte noch einzelne seiner Vorgänger, aber die Betonung lag auf “kannte”. Keiner der sich jemals den Unmut seines Chefs zugezogen hatte erlebte noch den darauffolgenden eigenen Geburtstag. So elegant und kultiviert er sich auch nach außen hin verkaufen konnte – Louis Wassiljew war tödlich.
    “Privet” meldete sich Anton am Telefon mit angespannter Stimme. “Hast du die Informationen bekommen die wir brauchen?” Kurze Pause. “Für Wassiljew spielen Vorschriften und Grenzen keine Rolle, das solltest du inzwischen begriffen haben. Leg einen Zahn zu oder wir haben beide nichts mehr zu Lachen! Ich geb dir bis morgen Zeit – dann brauche ich erste Ergebnisse für ihn.” Sich die Haare raufend beendete Anton das Gespräch. “Blad! Wenn dieser Schwachkopf nicht bald eine Spur von ihr findet muss ich selbst nach ihr suchen”.

  65. Sonja

    Vielleicht war das gar keine so dumme Idee, führte Anton den Gedanken weiter. Louis würde ihn ohne zu zögern beseitigen, wenn er ihm Melanie nicht bald brachte. Er tätigte noch einen Anruf und buchte dann unter einem anderen Namen einen Flug nach Paris – dort, so hoffte er, würde er Melanies Spuren folgen können. Schließlich hatte Louis erzählt, dass sie sich dort kennen gelernt hatten. Und Frauen waren so töricht und kehrten immer wieder nach Hause zurück.
    Anton gab Louis Bescheid, dass er sich um die Sache kümmerte und nicht ohne Melanie zurückkehren würde. Der kalte, berechnende Blick Louis’ war Antwort genug.
    Wenige Stunden später saß er in dem Flieger nach Paris und verließ dort den Flughafen als Ari Berisha. Er würde Melanie finden, und wenn es das letzte war, was er in seinem Leben tun würde.

    Zur gleichen Zeit, als Anton alias Ari mit dem Taxi in die Pariser Innenstadt fuhr, griff Markus nach seinem Handy. Er musste dringend in der Kanzlei Bescheid geben, dass seine am Nachmittag noch anstehenden Termine abgesagt wurden. Und er hoffte, dass sein Klient, Richard Chirac, ihm dabei helfen konnte, Melanie eine neue Identität zu verschaffen. Immerhin hatte Markus ihn schon mehrmals verteidigt, als es um Anklagen gegen den im Untergrund tätigen Bankier ging. Markus konnte nicht ahnen, dass Richard ihm nicht nur helfen, sondern Melanie auch verraten würde.

  66. Andrea

    “Monsier Chirac, wie geht es Ihnen?”, fragte Markus und unterdrückte dabei ein Gefühl, welches ihn davor warnte diesem Mann zu vertrauen.
    Der Mann am anderen Ende klang erfreut als er den Anrufer erkannte. Seine dunkle, rauchige Stimme hellte sich etwas auf. “Monsieur Layard. Welch eine Freude? Ich hoffe doch es liegt nicht schon wieder eine Anklage gegen mich vor, oder?”, er lachte schallend und Markus hatte das Gefühl dass der Lautsprecher seines Handys durch das Lachen vibrierte. “Nein, nein. Davon ist mir nichts bekannt. Es geht um etwas Anderes. Dieses Mal könnte ich Ihre Hilfe gebrauchen.”, er schluckte und überlegte wie er es am Besten formulierte.
    Richard schwieg anfangs, vermutlich wartete er, dass Markus seine Erzählung fortsetzte, als sich die Stille aber länger hinzog erwiderte er Ernst: “Natürlich, wobei kann ich Ihnen denn helfen?”, wenn Geld dabei heraussprang war er für jeden Auftrag zu haben. Momentan saßen ihm viele Gläubiger im Nacken und Aufträge, die Geld einbrachten, waren Mangelware. Der Bankier kratzte sich an seinem rauen Dreitagesbart und auch dieses Geräusch nahm Markus unglaublich laut wahr. Sollten seine Sinne so geschärft sein durch die ganze Situation, dass er alles überrational wahrnahm? Er schüttelte den Kopf. “Wissen Sie, es geht um einen Identitätswechsel. Ich benötige einen neuen Pass, eine neue Identität für jemanden. Sie kennen sich damit doch aus, wie ich aus früheren Klagen, die wir erfolgreich abgeschmettert haben, weiß.”, er schluckte, sein Hals fühlte sich trocken an und er hatte das Gefühl, dass seine Stimme anders klang als normal.
    Am anderen Ende herrschte Stille, erst nach wenigen Sekunden, die Markus aber wie Minuten des Schweigens vorkamen, erklang Richards Stimme, sie war kalt und berechnend. “Nun ja, das kommt darauf an. Wie du schon sagtest, die Klagen waren unberechtigt und deshalb konnten wir sie abschmettern.”, er lachte wieder, dann fuhr er fort. “Vielleicht sollten wir uns treffen und das Ganze im Detail besprechen. Wer weiß, vielleicht findet sich ja eine Lösung.”
    Als er aufgelegt hatte merkte Markus, dass ihm kalter Schweiß den Rücken hinabrann. Seine Hände zitterten. Was nur war es, was ihn so durcheinanderbrachte?

  67. Marion

    Melanie war so in ihr Gespräch mit Babbou vertieft gewesen, dass ihr erst nach mehreren Minuten die Abwesenheit von Markus aufgefallen war. “Babbou – ruh dich doch ein wenig aus. Ich merke dass du müde wirst. Ich gehe und suche in der Zwischenzeit Markus. Bestimmt wollte er sich dein Schmuckstück näher ansehen.” In dem winzigen verwinkelten Garten hinter der alten Pension hatte sie ihn schließlich an einen der alten Bäume gelehnt gefunden. “Schon seltsam”, dachte sich Melanie als Sie an der obersten der Stufen stand, die von der Küche in den Garten führten. “Markus in diesem kleinen Paradies zu sehen erweckt das Gefühl dass es schon immer so gewesen war und genau so sein musste, aber wie konnte das sein? Wieso ergänzte er ihr Bild und alle mit diesem Ort assoziierten Gefühle wie das letzte fehlende Puzzlestück? Ein Mann, den sie praktisch garnicht kannte, von dem sie nichts wusste.” Erst als sie langsam auf ihn zuging und ihr das lange nicht mehr gemähte Gras mit den Wildblumen um die Knöchel strich bemerkte sie seine veränderte Stimmung. “Geht es dir gut Markus? Du siehst ganz blass und bedrückt aus?” Markus hielt mit der Rechten sein Handy so fest umschlossen dass sogar die Konturen seiner Fingerknöchelchen weiß hervortraten. Sein Unterkiefer war angespannt und die ganze Körperhaltung spiegelte seinen Gesichtsausdruck mehr als deutlich wieder. Ihn so zu sehen machte Melanie beinahe Angst. Er wirkte so verändert, garnicht mehr sanft und einfühlsam. Diese Haltung erinnerte sie unvermeidbar an den Mann, mit dem sie zu lange ihre Zeit geteilt hatte. Sie trat noch einen Schritt näher an ihn heran und hob sein Kinn sanft mit ihrer Hand an. “Markus – sag mir doch was los ist. Bitte. Dein Blick kann einem ja Angst machen”. Sie versuchte ihre letzten Worte amüsant klingen zu lassen doch konnte sie den zitternden Unterton nicht ganz verbergen.

  68. Sonja

    Markus versuchte zu lächeln und Melanie damit zu beruhigen, aber es gelang ihm nicht so recht, das Lächeln erreichte seine dunklen Augen nicht. “Ich kenne jemanden, der uns helfen kann, dir eine neue Identität zu verschaffen”, erklärte er nach einem kurzen Schweigen. “Aber mir ist nicht wohl bei der ganzen Sache. Eigentlich müsste ich jetzt in meinem Büro sitzen und Aktenberge wälzen…” Er verstummte und legte seine Hand auf ihre Hand, die sie wieder hatte sinken lassen. “Ich hoffe nur, dass du hier wirklich sicher bist. Mir kommt es hier fast zu schön vor, um wahr zu sein.”
    “Mach dir keine Sorgen”, Melanie drückte seine Hand sanft, “Babbou passt schon auf mich auf – wie er es immer getan hat!” Sie hoffte, dass ihre Zuversicht nicht so gespielt klang, wie sie sie empfand.
    Das war es ja gerade, was Markus Sorgen machte: Er spürte, dass Babbou Melanie beschützen würde, selbst wenn er mit seinem Leben dafür bezahlen müsste.
    “Du kannst ruhig gehen”, fuhr Melanie nach einer Weile fort, “ich möchte nicht, dass du meinetwegen noch deinen Job verlierst. Ich komme hier schon klar, versprochen.”
    “Na gut”, Markus zögerte kurz, ehe er zustimmte. “Ich komme morgen wieder vorbei und schaue nach euch.”
    Sie gingen zurück ins Haus, wo Markus sich von dem alten Mann verabschiedete. Melanie begleitete ihn noch bis zur Tür und sah ihm nach, wie er in der beginnenden Dunkelheit um die Straßenecke verschwand. In der Ferne erleuchteten vereinzelte Blitze den gewittergrauen Himmel und Sekunden später setzte strömender Regen ein. Fröstelnd schloss Melanie die Tür hinter sich.

  69. Andrea

    Sein erster Weg führte Anton zu Melanies Appartement. Er hielt sie zwar nicht für so dumm sich dort aufzuhalten, aber er hoffte dort einen Hinweis zu finden. Wie selbstverständlich ging er zu dem Altbau in der Rue la Fontaine. Es war ein sechsstöckiges Gebäude und hatte vor jedem Fenster einen dieser französischen Balkone aus schwarzem Metall. Anton drückte gegen die Tür, doch diese war verschlossen, daher klingelte er. Zu allererst bei Melanie, sollte sie tatsächlich da sein, vielleicht ließ sie ihn ein und die Sache war schneller erledigt als gedacht. Als niemand antwortete, betätigte er einfach eine andere Klingel. Der Türöffner summte und er trat ein. Wie praktisch dass diese Altbauwohnungen keine Sprechanlage hatten und die Leute so leichtsinnig waren jeden einzulassen, dachte er. Nun die Menschheit war viel zu gutgläubig. Er schloß die Tür und ging die Treppen hinauf. Im ersten Stock war eine Tür einen Spalt geöffnet und eine alte Dame schaute heraus. Er lächelte und erwiderte in perfektem Französisch, dass er sich in der Klingel vertan hatte und eigentlich Melanie Vilars suchte. Mit seinem kindlich-unschuldigen Lächeln hatte er bisher noch jeden überzeugt und so gelang es auch diesmal. Die alte Dame lächelte zurück und erklärte ihm, dass Madame Vilars im obersten Stock rechts wohnte. “Merci beacoup.”, bedankte er sich mit einer Verbeugung und ging die Treppe hinauf. Gutgläubigkeit, ja, irgenwann wird die Menschheit daran zugrunde gehen!

  70. Sonja

    Auf dem Heimweg starrte Markus gedankenverloren vor sich hin. Die ganze Sache gefiel ihm nicht, aber er hatte trotzdem das Gefühl, Melanie helfen zu müssen. Sie wirkte zwar nicht wie ein verletzliches Kind, im Gegenteil, sie machte einen sehr starken Eindruck. Und doch wollte er sie beschützen, sie davor bewahren, dass ihr etwas passierte, dass Louis sie fand. Louis – ob das überhaupt sein richtiger Name war? Hatte sie bei ihrem Treffen nicht gesagt “nennen wir ihn Louis”? Wer mochte bloß hinter dieser ganzen Sache stecken?
    Als er eine halbe Stunde später seine Wohnungstür aufschloss, wusste er nicht mehr, wie er nach Hause gekommen war. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, über die letzten Stunden nachzudenken.
    Er trat ein, schüttelte sich, um den Kopf frei zu bekommen, und rief: “Ma chérie, ich bin zu Hause!”

  71. Andrea

    Erst herrschte Stille, dann ein kindliches Kichern. Markus lächelte: “Ma chérie ich weiß, dass du da bist.”, er tat als ob er sie suchen würde, obwohl er genau wußte, wo sie sich versteckte. Leise schlich er sich ins Wohnzimmer und schaute unter die Couch – nichts. Dann ging er zum Wandschrank im Flur und spitzte hinein – nichts. Lächelnd betrat er das Schlafzimmer, die Vorhänge des breiten Himmelbettes waren zugezogen. Markus schlich sich an, öffnete vorsichtig den rechten Vorhang und linste hinein. Unter der Bettdecke bewegte sich etwas und hastig wurde eine Taschenlampe gelöscht. Er hob vorsichtig die Decke an und lugte grinsend hinunter. “Ma chérie du weißt doch, dass ich dich finde.”
    Das kleine Mädchen mit den blonden langen Zöpfen kicherte erneut und fiel ihm dann um den Hals. “Papa, da bist du ja endlich.”, ihre dünnen Kinderarme schlangen sich um ihn und drückten ihn fest an sich.

  72. Sonja

    “Ja, da bin ich endlich!” Markus hob sie hoch und trug sie in die Küche, ihre Ärmchen immer noch um seinen Hals geschlungen. “Ich hoffe, ihr habt mir noch etwas zu essen übrig gelassen.” Mit knurrendem Magen öffnete er die Kühlschranktür. “Aber Papa”, sagte die Kleine, “du sagst doch immer, ich soll meinen Teller leer essen, da darf ich gar nichts übrig lassen!” Sie grinste ihn an und Markus musste lachen. Natürlich hatte die Kinderfrau, die tagsüber nach seiner Tochter sah, auch für ihn etwas gerichtet. Während er es sich in der Mikrowelle wärmte, ließ er sich berichten, was Lily den ganzen Tag so erlebt hatte.
    Während sie bis ins kleinste Detail erzählte, wie sich auf dem Spielplatz zwei Jungs geprügelt hatten, bis ihre Nasen bluteten, schweiften seine Gedanken zu Melanie ab. Hier, in der Sicherheit seines Zuhauses, schienen die letzten Stunden völlig unrealistisch, als wären sie nie passiert. Mit ein wenig Abstand betrachtet, hörte sich ihre Geschichte wirrer und unglaubwürdiger an als alles, was Markus bisher gelesen oder gehört hatte.
    Er hatte nicht mehr richtig hingehört, als Lily an seinem Ärmel zupfte und ihre letzte Frage drängend wiederholte: “Papa, wann kommt Mama endlich wieder nach Hause?”

  73. Andrea

    Markus schluckte. Wie nur sollte er ihr beibringen, dass Mama nie wieder nach Hause kam. Das letzte halbe Jahr hatte er immer wieder Ausreden erfunden, meist hatte er sie damit beruhigt, dass Mama eine große Reise machte und bald wieder kommen würde. Aber nach einem halben Jahr war diese Ausrede langsam lächerlich. Er bemerkte Schweißperlen auf seiner Stirn und wischte sich diese mit einem Taschentuch ab. Kamen diese von dem heißen Essen oder brachte seine Tochter ihn nun auch schon zum schwitzen. Er nahm den letzten Bissen, dann legte er die Gabel zur Seite und hob Lily auf sein Schoß. “Ma chérie, weißt du das ist eine schwierige Frage, die du mir da stellst. Ich befürchte nämlich, dass ich sie dir nicht beantworten kann.”
    Lily schaute ihn aus ihren großen hellblauen Augen an, die Markus immer wieder an einen schönen Sommerhimmel erinnerten. “Aber der Urlaub ist doch sicher bald vorbei, nicht wahr Papa?”
    Markus schüttelte den Kopf. Er mußte jetzt endlich die Wahrheit sagen, nach einem halben Jahr voller Lügen war es Zeit, dass sie die Wahrheit erfuhr. “Ich befürchte Maman wird nie wieder nach Hause kommen.”

  74. Sonja

    Während Markus sich in der Kälte der Nacht in seine Decke kauerte und Ari im fahlen Mondschein beobachtete, kam ihm dieser Abend in den Sinn. Wie traurig Lily ihn angeschaut hatte, wie sich das Sommerblau ihrer Augen in ein tiefes, unergründliches Wasserblau verändert hatte, aus dem sich kleine Tränen ihren Weg bahnten. Markus schluckte heftig, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden.
    Als ob Ari seine Gedanken gelesen hatte, sagte er unvermittelt mit leicht knarrender Stimme – er schien sich bei dem kalten Regen erkältet zu haben -: “Was wohl deine süße, kleine Tochter gerade macht?”

  75. Andrea

    Markus schaute Ari aus kalten Augen an. Woher wußte er von seiner Tochter und wie kam er ausgerechnet jetzt darauf? Im Prinzip hatte sich der Andere dadurch verraten, ihm gezeigt, dass es keine zufällige Begegnung war und das Ari auch mit den Russen unter einer Decke steckte – was Markus sowieso schon wußte. Er versuchte sich zu sammeln und entgegnete dann gefasst: “Sie wird schon das Richtige tun.”

  76. Sonja

    Kalte Angst kroch Markus’ Rücken hoch und hinterließ eine Spur aus Gänsehaut auf der blassen, regenfeuchten Haut. Ob Ari darauf anspielte, dass seiner Tochter etwas passiert sein könnte oder noch geschehen konnte? Seine Gedanken glitten zurück zu dem Abend, an dem er Lilys Traurigkeit nichts entgegenzusetzen hatte. Er hatte sie bald ins Bett gebracht und war nach einer langen Gutenachtgeschichte bei ihr geblieben, bis sie eingeschlafen war.

    Am nächsten Tag machte Markus sich früh auf den Weg zu dem Treffen mit Richard, um über die Möglichkeiten für Melanies neue Identität zu sprechen.

  77. Andrea

    Sie trafen sich in Richards Büro, so war es immer gewesen. Markus wußte nicht einmal wo der Bankier wohnte. Er war wie immer gut gekleidet, ein dunkler Markenanzug mit weißem Hemd und passender Krawatte in dunklem Lila unterstrichen seine sowieso schon imposante Erscheinung. Als er Markus durch die Glastür sah, winkte er ihn sogleich lächelnd herein. Überschwenglisch begrüßte er seinen ehemaligen Anwalt und ließ dabei nicht von seinem etwas zu auffälligem Lächeln ab. “Was kann ich denn für Sie tun, Monsieur Layard?”
    Wie immer kam Richard ohne große Umwege zur Sache. Markus räusperte sich. “Monsieur Chirac, wie geht es Ihnen?”
    Der andere machte ein wegwerfende Bewegung und schaute Markus weiterhin erwartungsvoll an.

  78. Sonja

    Markus wusste, dass er besser auf den Grund seines Besuches zu sprechen kam. “Wie ich am Telefon erwähnte, ist eine Bekannte von mir in Bedrängnis geraten und möchte eine Weile untertauchen. Und wir wissen beide, dass Sie…” Er hielt kurz inne, um die richtige Forumlierung zu finden. “… nun, dass Sie in dieser Hinsicht bessere Kontakte haben als ich.”
    Die Reaktion Richards machte deutlich, dass dieser verstanden hatte, worauf der Anwalt hinauswollte. Ein knappes Nicken, ein Winken mit der Hand, das ihm bedeutete, dem Banker zu folgen, und kurze Zeit und einige Flure und Treppen später betrat Markus hinter dem Geschäftsmann einen kleinen, hell erleuchteten Kellerraum.

  79. Andrea

    Er schaute sich neugierig um. In dem Raum stand nur ein Schreibtisch, der vor lauter Papieren überquoll und von einer kleinen grellen Schreibtischlampe beleuchtet wurde. Auf dem Stuhl davor saß ein Mann, der aussah als hätte er schon lange keine Sonne mehr zu Gesicht bekommen. Die Haut war weiß und schien beinahe durchscheinend. Er schaute kurz auf, rückte dann seine Brille zurecht und widmete sich wieder seinen Papieren. Richard beobachtete seinen Besucher genau und ihm entging dessen Nervosität keineswegs. Lächelnd wies er mit dem Arm durch den Raum. “Ich denke mein lieber Monsieur Ferrex hier könnte dir behilflich sein, aber du weißt ja nichts ist umsonst.”, ein berechnendes Grinsen umspielte seine Lippen.
    Markus nickte nur und entgegnete mit leicht kratziger Stimme. “Was soll es kosten?”

  80. Sonja

    “Ich helfe dir, du hilfst mir.” Die Antwort klang so harmlos wie die eines Kindes, aber aus Richards Mund so absurd unschuldig, dass für einen kurzen Moment ein Kichern in Markus’ Kehle aufstieg, das er nur mit Mühe durch einen vorgetäuschten Hustenanfall überdecken konnte.
    “Und wie stellst du dir diese Hilfe vor?”, fragte er, als er sich wieder soweit im Griff hatte, dass er seiner angeschlagenen Stimme trauen konnte. Ein kurzer Blick auf Monsieur Ferrex zeigte Markus, dass dieser ihnen keinerlei Beachtung schenkte und völlig unbeeindruckt seiner Arbeit nachging.
    “Nun”, begann sein Gegenüber, “ich habe ein klitzekleines Problem:

  81. “Ein klitzekleines Problem sagst du also? Dieser Satz aus deinem Mund verheißt Spannendes, wenngleich auch nicht unbedingt nur Gutes nehme ich an. In was bist du denn dieses Mal hineingeraten? Bisher kann ich mich weder erinnern formelle Schreiben der Pariser Polizei erhalten zu haben, noch eine der häufig mit dir zu tun habenden Vorladungen. Hast du etwas auf dem Kerbholz, das noch garnicht bis zu den Mühlen der Justiz vorgedrungen ist mein Lieber?”
    Während dieser Sätze versuchte Markus so gut es ging sein Unbehagen zu verdrängen. Nicht nur der bedrückend wirkende Kellerraum und seine Sorge um Melanie zehrten an seinen Nerven. So gönnerhaft und fast schon freundschaftlich sich sein Klient ihm gegenüber auch verhielt – zu Spaßen war mit Richard gewiss nicht. Seit Jahren musste er ihn aus diversen Prozessen und Anklagen herausmanövrieren, ihm immer wieder Freisprüche oder zumindest Strafminderungen verschaffen. Nein, bei aller Liebe, gegen Richard wollte man sich nicht stellen.

    Anstatt gleich zu antworten, lehnte sich Richard gerade zu überheblich entspannt an den Türrahmen, der den Weg zu einem kleinen Nebenraum wies. Hätte man diesen Augenblick als Bild festgehalten wäre noch weitaus deutlicher herausgekommen, wie unrealistisch die Konstellation war.
    Markus Layard – gespielt lässig aber dennoch merklich angespannt, mit verkniffenen Händen mittig im Raum. In der Ecke dieser unnatürlich blass wirkende, übergewichtige Beamte hinter seinem überquillenden Tisch und natürlich Chirac selbst. Nach außen hin die Souveränität in Person – ganz der charmant lächelnde Bankier, im Inneren aber ein weithin Bekanntes Mitglied des kleinkriminellen Abschaums Pariser Arrondisements.

    Das Gewicht elegant verlagernd richtete sich Richard auf, wandte Markus den Rücken zu und raunte nur kühl: “Die Mühlen der Justiz? Junge, diesmal musst du in größeren Kreisen denken. Lass uns das hier in meinem kleinen Refugium klären. Jedes weitere Ohr wäre zu viel…”

  82. Andrea

    Ja, Richard hatte seine Gründe warum niemand sonst von diesen Kleinigkeiten hören sollte. Du mußt in größeren Kreisen denken, hatte er gesagt. Diese größeren Kreise waren ihm jetzt bekannter als ihm lieb war und er hätte gerne auf diese geheime Unterredung verzichtet. Markus spukte verächtlich aus und trat dann Ari in die Seite. “Es ist taghell, worauf warten wir noch?”
    Ari erschrak, er war wieder eingenickt und rieb sich nun die Seite, wo ihn Markus Stiefel getroffen hatte. “Ist ja schon gut, du hast ja Recht.”, er erhob sich, streckte seine noch müden und steifen Glieder und warf einen Blick in den Himmel. Mit einem breiten Grinsen, welches wohl sagen sollte: Wir sind die besten Freunde, erwiderte er: “Na zumindest das Wetter scheint uns heute wohlgesonnen zu sein.”
    Markus konnte dieses Grinsen nicht ertragen und wand angewidert den Blick ab. Merkte dieser Mann eigentlich nicht wie sehr er ihn hasste?
    Er packte seinen Rucksack und gemeinsam verließen sie die zusammengefallene Unterkunft, die Ihnen heute Nacht Unterschlupf gewährt hatte. Im Tageslicht bei Sonnenschein sah sie nicht mehr ganz so erschreckend aus wie am Abend zuvor, aber einladend wirkten ihre Trümmer auch jetzt nicht.
    Markus wartete bis Ari voran ging. Niemals würde er den Fehler machen und ihm den Rücken zuzuwenden, nicht nach all dem, was er mittlerweile erfahren hatte.

  83. Sonja

    Schweigend liefen die beiden Männer hintereinander her durch die karge Wildnis der Berge. Überall tropften die letzten Reste des Regens von den Blättern und Steinen und glitzerten im Sonnenlicht wie kleine Diamanten. Markus’ Magen grummelte lautstark vor Hunger, aber da er nicht wusste, wie lange sie noch unterwegs sein würden, musste er seinen wenigen Proviant gut einteilen. Ari schien weder Hunger noch Kälte, weder Schmerz noch irgendetwas anderes zu empfinden; er suchte ihnen einen Weg auf unsichtbaren Pfaden, und Markus hoffte, dass er lebend das Ziel erreichte.

    Zur gleichen Zeit, einige tausend Kilometer entfernt.
    Melanie öffnete die Augen, doch sie sah nichts. Einfach nichts – ein Nichts, das nicht einmal schwarz war, das keinen Anfang und kein Ende hatte. Die Dunkelheit um sie herum drang immer weiter in sie hinein, verschlang sie und nahm ihr den letzten Funken Hoffnung, der noch in ihr geglommen hatte. Fast meinte sie, einen feinen Rauchfaden in die Finsternis steigen zu sehen, so als hätte jemand eine Kerze ausgeblasen und der verglimmende Docht machte sein Sterben kund. Es war zu spät. Niemand konnte ihr noch helfen.

  84. Andrea

    Aber wollte Sie wirklich schon aufgeben? Sie hatte keine Kraft mehr, aber etwas in ihrem Inneren sträubte sich noch dagegen. Sie schloß die Augen, da ihr diese Schwärze wesentlich angenehmer war als die sie umgebende Dunkelheit, und versuchte an etwas schönes zu denken. Nur was gab es Schönes in ihrem Leben an das es sich zu denken lohnte? Sie grübelte, doch das bereitete ihr nur Kopfschmerzen. Sie seufzte und erntete dafür einen groben Tritt in die Seite. So ging es seit Wochen und das war zermürbend. Mit niemanden reden zu können, nicht einmal einen Ton von sich geben zu dürfen – sie fühlte sich ausgelaugt. Gut, sie hatte ihre Chance gehabt zu reden, aber da hatte sie sich geweigert und jetzt? Sie schüttelte den Kopf und versuchte wieder schöne Gedanken in die erschöpften Windungen ihres Gehirns zu locken, doch es wollte und wollte nicht gelingen.

  85. Der Raum den Markus und Richard jetzt betraten, war sogar noch kleiner und berückender als der sterilweiß grellbeleuchtete Erste. Die Decke war kaum höher als 2 Meter und durchzogen von langen Rissen, an denen sich Putz und Farbe schon schälten. “Ich möchte garnicht wissen wieviele Wasserschäden hier schon überpinselt worden sind. Hoffentlich hält dieser Mist hier wenigstens noch so lange zusammen bis ich wieder an der frischen Luft bin” dachte Markus während er zögerlich hinter seinem Vordermann herging. Diese wenigen Quadratmeter machten aber auch generell keinen besonders einladenden Eindruck. Kein Fenster, kein Schacht, ja nicht einmal eine einzige Fuge erlaubten dem Tageslicht hier einzudringen. Der für Kellerräume typisch drückende leicht modrige Geruch umgab noch zusätzlich jeden Zentimeter wie ein eigens dafür kreiertes Parfum. Kann es sein, dass die Ausstrahlung eines Menschen sich seiner momentanen Umgebung anpasst, ja förmlich mit ihr verschmilzt? Genau diesen Eindruck bekam Markus, während er endgültig im Zimmer war und die Türe hinter ihm ins Schloss fiel. “Willkommen in meinem kleinen bescheidenen Reich. Genieß die bildschöne Aussicht und mach es dir bequem mein Lieber – Tee und Gebäck lasse ich natürlich gleich bringen.” Unter schallendem vulgären Gelächter ließ sich Chirac während diesen Worten in seinen schweren cognacfarbenen Ledersessel fallen, der unter seiner Masse bedenklich zu knarzen begann. “Schön zu sehen dass der Moment endlich gekommen ist, in dem nicht ich auf dem Besucherstuhl Platz nehmen muss sondern den Verhandlungstisch aus der anderen Perspektive vor mir habe. Da nur Esel zuerst mit den eigenen Maladien anfängt… Du hast erwähnt dass eine deiner Damen” – ein süffisantes Schmunzeln umzog Richards Mund – “ich meine natürlich eine gute Bekannte von dir Hilfe benötigt bei Personalien der besonderen Art. An welchen Umfang hast du dabei gedacht?”
    Markus fühlte sich zum ersten Mal seit dieser Bekanntschaft geradezu angewidert von seinem Gegenüber. Der Raum, die Situation, ja die ganze Spannung die von diesem Ort ausgeht vervollständigt endlich das Bild von Chirac, das er selbst gegen ein beachtliches Honorar von Prozess zu Prozess verteidigen musste. Wahrscheinlich wurden die meisten dieser schmierigen Kontakte hier geknüpft. Genau an der Stelle, an der er jetzt gezwugen war zu sitzen. Er – der rechtschaffene Anwalt. Gott wie streubte er sich innerlich dagegen hier zu sitzen, aber er hatte Melanie sein Wort gegeben und nur das zählte in diesem Augenblick.

  86. Sonja

    Deshalb, und um möglichst schnell diesen Ort verlassen zu können, kam Markus gleich zur Sache: “Sie muss für eine Weile untertauchen und sollte nicht gefunden werden. Du hast damit mehr Erfahrung als ich…” Er reichte Chirac ein Foto von Melanie und schaute ihn auffordernd an. Dabei entging ihm nicht, dass sich die Züge seines Gegenübers kurz verzerrten, doch Richard hatte sich augenblicklich wieder im Griff und steckte das Bild in seine Hemdtasche. “Kein Problem, kein Problem. Gib mir drei Tage, dann beginnt für deine Bekannte ein neues Leben.”
    Damit war Markus entlassen und erst als er das Gebäude verließ und so tief durchatmete, dass es in seiner Brust schmerzte, merkte er, wie angespannt er wirklich gewesen war.

    Ari verfluchte sich, aber noch mehr verfluchte er Louis. Warum hatte er diesem nur versprochen, ihm Melanie auf schnellstem Weg zurückzubringen? Und warum war er sich so sicher gewesen, diese Sache problemlos ausführen zu können? Er stand in Melanies Appartement, doch das Durchwühlen ihrer Sachen hatte ihn keinen Schritt weitergebracht – und natürlich war sie nicht hier gewesen, als er die Tür geöffnet hatte. Ein weiterer lauter Fluch kam über seine Lippen und er schlug frustriert gegen die Wand, die in zartem Roséton gestrichen war und an der ein dazu farblich passendes Gemälde hing, bei dem Ari sich wieder einmal fragte, was an so etwas Kunst sein sollte.

  87. Überhaupt konnte er nur schwer nachvollziehen wieso es Menschen gibt, die Millionen für ein paar Quadratzentimeter Leinwand mit Farbe bezahlten. Er selbst würde sich eher ein großes Auto oder eine schicke Yacht mit jeder Menge schöner Frauen leisten, aber dieses bisschen Dekoration? Nein, solche Menschen würde er nie verstehen. Mit dem Verstehen war es sowieso eine grundsätzliche Geschichte: was fand sein Chef früher an dieser kleinen Französin nur so gut? Kein anderer Mensch im Umfeld von Louis durfte sich jemals so viele Freiheiten erlauben wie Sie. Man hätte fast von Zeit zu Zeit den Eindruck bekommen können dass er weich wurde wenn Melanie in der Nähe war, aber das hätte er sich nie im Leben getraut laut zu äußern. Gewiss – daran gab es keinen Zweilfel – wäre das sein Todesurteil gewesen. Louis kritisierte man nicht! Zumindest nicht, solange man die Leidenschaft hegte am nächsten Morgen den Sonnenaufgang zu sehen.
    Während Ari noch vor sich hin grübelte und seinen Gedanken nachhing begann er damit seine Blicke noch einmal in Ruhe durch den Raum schweifen zu lassen. Schon seltsam, diese Wohnung hier vermittelte einen ganz anderen Eindruck, eine völlig andere Atmosphäre als die Gemächer zu Hause in Russland. Nicht dass er sich jemals lange darin aufgehalten hätte – Gott bewahre – aber bei dem einen oder anderen Botengang konnte er doch hinter die sonst hermetisch verschlossenen Türen blicken. Hier war alles so feminin und einladend. Der Duft erinnerte an frisch gewaschene Wäsche nachdem man Sie in der Sonne hatte trocknen lassen. Auch die Farben, viele Pastelltöne, rosa, flieder, leichtes grün – alles ergab ein unglaublich harmonisches Gesamtbild. Der Unterschied hätte gravierender nicht sein können, denn in Russland hatte der Geschmack von Louis die Einrichtung bestimmt. Dunkle Holzvertäfelungen, schwere Samtvorhänge, überall matte gedeckte Töne. In Melanies Wohnung stach Ari aber vor allem eine Tatsache ins Auge: die Fotorahmen. Noch nie hatte er in einer Wohnung so viele, so unterschiedliche kombiniert gesehen. Besonders eine Ecke im Wohnzimmer erweckte bei näherer Betrachtung sein Interesse. Melanie möchte vielleicht erst 12 oder 13 Jahre alte gewesen sein, noch ein junges Mädchen, aber dieses Haus? Irgendwo hatte er dieses Haus im Hintergrund schon einmal gesehen… Nach längerem Nachdenken hätte er schwören können dass es dem Eckhaus, nahe seines Hotels zum verwechseln ähnlich sieht. Allein diese Dachschindeln und die Farben der Fensterläden: war das vielleicht eine Spur zu ihr die ihm gerade unverhofft in den Schoß gefallen war?

  88. Sonja

    Der karierte Mantel der alten Frau wehte protestierend im Wind, als sie erschrocken in einen Hauseingang zurückwich und den Hund an sich drückte, um ihn ruhig zu halten. Was war das für ein Mann, der da das kleine Häuschen auf der anderen Straßenseite beobachtete? Normalerweise konnte sie sich auf ihren ersten Eindruck verlassen und dieser kräftige Kerl jagte ihr auf unheilvolle Art Angst ein. Fast hätte sie ihn gar nicht erst entdeckt; die abendliche Dämmerung ließ sich eben erst von der Dunkelheit vertreiben und normalerweise trieb sich um diese Zeit niemand mehr hier herum. Die aufziehenden Schatten hatten ihn zuerst verborgen, doch ihre Augen sahen noch so klar in die Welt wie in ihrer Jugend und eine unachtsame Bewegung hatte ihn verraten. Dass dieser Fremde nichts Gutes im Schilde führte, war ihr sofort klar. Bevor sie sich dazu durchringen konnte, die Bewohner des Hauses zu warnen, schlich er sich langsam an der Hauswand entlang auf sie zu.

  89. Andrea

    Markus schaffte es erst nach zwei Tagen spätabends wieder zu Melanie. Eigentlich wäre er nach dem Treffen mit Richard und dem restlichen stressigen Tag auf der Arbeit, wo die Aktenberge immer noch nur höher statt weniger wurden, nicht in der Stimmung überhaupt noch etwas zu machen. Aber er wußte, dass sie auf ihn wartete. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten und Markus war jemand der so etwas sehr Ernst nahm. Als er vor dem Haus stand ging es ihm wie beim vorherigen Besuch. Alles an diesem Haus war so unwirklich, wie aus einem Märchen. Er strich sich durch die Haare und lockerte die Krawatte etwas. Den ganzen Tag schon hatte er zeitweise das Gefühl keine Luft zu bekommen und auch jetzt erging es ihm so. Sollte das an der Aufregung liegen? Er war nicht der Mensch für kriminelle Handlungen und das Treffen mit Richard hatte ihm das Gefühl gegeben genau das zu sein. Nach einem Räuspern betätigte er wie schon einmal den Türklopfer an der alten Eingangstür. Es dauerte eine scheinbare Ewigkeit und als sich nichts tat klopfte er erneut. Erst nach dem dritten Mal hörte er Schritte. Er lauschte und fuhr plötzlich erschrocken herum, da die Schritte nicht aus dem Haus kamen sondern sich ihm von der Straßenseite her näherten. Seine Bewegung kam ihm vor wie in Zeitlupe und er spürte ein Krippeln im Nacken und die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn bildeten. Seine Nerven lagen blank und wieder einmal mußte er feststellen, dass er einfach nicht der Typ für Abenteuer und schon gar nicht für kriminelle Machenschaften war.

  90. Sonja

    “Guten Abend, darf ich fragen, was Sie hier machen?”, sprach ihn ein älterer, dunkel gekleideter Mann an.
    Markus konnte im Licht der dämmrigen Straßenlaterne kaum etwas erkennen, daher kniff er die Augen zusammen und reagierte, da sein Puls immer noch raste, etwas ruppig: “Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.”
    Der Mann seufzte, griff mit der Hand in seine Jackentasche und hielt Markus einen Ausweis vor die Nase. “Police nationale, wir ermitteln in einem Mordfall. Hier wurde vor zwei Tagen die Leiche einer Frau…”
    Mehr verstand Markus nicht. Sie war tot. Sie war tot?! Konnte das denn…? Ihm wurde schwarz vor Augen und hätte der Mann ihn nicht aufgefangen, wäre er auf die Straße gestürzt.

    Ari rieb sich die Handgelenke und ließ seinen Blick aufmerksam durch die Menschenmasse schweifen. Dass er sie hatte umbringen müssen, tat ihm nicht leid; sie war einfach im Weg gewesen, zur falschen Zeit am falschen Ort. Außerdem konnte Paris ihm dankbar sein – eine Alte weniger, die auf Staatskosten lebte.

  91. Andrea

    Als Markus die Augen aufschlug schaute er in das besorgte Gesicht des fremden Mannes. Er lag in dessen Armen am Boden. “Monsieur, geht es Ihnen gut?”, entgegnete der Polizist besorgt. Markus nickte und stemmte sich hoch. Was war das gewesen? Wieso war er einfach so zusammengebrochen? Schwächeanfälle hatte er normalerweise nie, aber was war zur Zeit schon normal? Als er wieder stand spürte er immer noch einen leichten Schwindel und stützte sich an der Hausmauer ab, von deren maroden Putz gleich einige Stückchen abbröckelten und zu Boden rieselten. Der Polizist musterte ihn von oben bis unten. “Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht? Soll ich nicht besser einen Arzt rufen?”
    Markus schüttelte entschieden den Kopf. “Danke für Ihre Fürsorge, aber mir geht es wirklich wieder gut. Das muß das Wetter sein, normalerweise habe ich so etwas nicht, aber es war ein anstrengender Tag und die Hitze.”
    Der Mann nickte verständnisvoll. “Ja, da haben Sie Recht. Die Hitze setzt Paris diesen Sommer schon sehr zu. Noch nie habe ich mich so nach Regen gesehnt wie die letzten zwei Wochen.”, er lachte kurz auf. “Aber um wieder zur Sache zu kommen. Was machen Sie hier?”
    Markus hatte sich wieder einigermaßen im Griff und zeigte auf die alte Pension vor der er stand. “Ich wollte Monsieur Clairmont besuchen, er ist ein alter Bekannter.”
    “Hm, Sie verstehen, dass wir aufgrund des Vorfalls aufmerksam sind und da wir Sie hier noch nie gesehen haben sind Sie verdächtig. Sie haben bestimmt nichts dagegen, wenn ich Ihre Personalien aufnehme, nur für den Fall, dass wir Fragen haben?”
    Markus nickte, er wußte dass der Mann hier nur seine Arbeit machte. Als er seine Kontaktdaten abgegeben hatte fragte er neugierig: “Können Sie mir sagen um was für eine Dame es sich handelte, die hier ermordet wurde?”
    Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. “Ich darf leider keine Einzelheiten mitteilen um die Ermittlungen nicht zu gefährden, das verstehen Sie sicher Monsieur”, er warf einen Blick in seinen Notizblock. “Layard.”
    Als der Polizist gegangen war klopfte Markus erneut. Er mußte wissen, was passiert war. Sollte es sich bei der Dame wirklich um Melanie handeln? Seine Hände zitterten als er den Türklopfer ein weiteres Mal betätigte.

  92. Sonja

    Aber wieder tat sich im Inneren des Hauses nichts. Frustriert trat Markus mit dem Fuß gegen die Hauswand, was noch mehr Putz abbröckeln ließ. Frustriert wandte er sich Richtung Straße, als im Haus nebenan die Tür einen Spaltbreit geöffnet wurde. Eine alte Frau schaute ängstlich heraus; sie war bestimmt schon über 80, dachte Markus, so tiefe Schatten wie die Straßenlaterne über ihr Gesicht warf… Sie deutete mit dem Kopf auf das Nachbarhaus und sagte so leise, dass er es kaum verstand: “Ist keiner mehr da, der alte Clairmont kam ins Krankenhaus, hatte einen Herzinfarkt oder so. Aber ist vielleicht besser so, traut sich ja keiner mehr auf die Straße, nachdem was passiert ist. Sie sollten besser gehen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.” Mit einem knirschenden Laut schloss sich die Tür.
    Erst eine ganze Weile später hatte Markus begriffen, was die Frau gesagt hatte. Monsieur Clairmont war also im Krankenhaus. Aber doch nicht wohl aus lauter Schreck über den Tod von… Nein, das wollte und konnte er sich nicht weiter ausmalen. Er musste noch einmal mit dieser Frau sprechen, schien sie doch die einzige zu sein, die Bescheid wusste und bereit war, darüber zu reden.

  93. Andrea

    Markus ging die wenigen Schritte zur Haustür nebenan. Das Gebäude war beinahe identisch mit der alten Pension und auch der antike Türklopfer hatte schon bessere Zeiten gesehen. Noch einmal atmete er tief durch, bevor er diesen betätigte. Es dauerte lange, sehr lange. Dabei war die Frau doch eben erst an der Tür gewesen und konnte sich noch gar nicht so weit entfernt haben. Er klopfte erneut und plötzlich erklang von innen eine leise Stimme: “Gehen Sie weg.”
    Markus schaute sich vorsichtig um, ob ihn auch keiner hören kann. “Bitte, ich muß Sie etwas fragen. Was ist mit der jungen Frau, die bei Monsieur Clairmont war?”
    Er hörte ein Kratzen von innen, dann wieder die leise, krächzende Stimme: “Ich weiß nichts von einer jungen Frau. Monsieur Clairmont lebte allein. Jetzt gehen Sie weg.”
    Anscheinend hatte es wirklich keinen Sinn. Zumindest zeigte ihre Ahnungslosigkeit, dass Melanie hier gut versteckt gewesen war. Die Betonung lag allerdings auf war. Er schluckte. Irgendwie war ihm gerade danach sich zu übergeben, aber er beherrschte sich. Was sollte er jetzt tun? Konnte er so weitermachen wie bisher als wäre nichts gewesen? Nein -niemals! Er ging davon und ließ das alte Viertel von Paris hinter sich. In Gedanken versunken merkte er nicht, dass er nicht der einzige war, der diesen Weg einschlug.

  94. Sonja

    Ein heller Lichtstrahl bohrte sich in ihren Kopf, schien direkt durch sie hindurch zu leuchten. Unwillig versuchte sie, ihm auszuweichen, aber trotz aller Mühe bewegte sie sich keinen Millimeter.
    “Wie geht es dir, Melanka?” Seine Stimme schwebte durch das grelle Licht auf sie zu. So unwirklich sie ihr vorkam, das war ER. Hatte sie etwas anderes geglaubt, Grund zu Hoffnung gehabt? Wie hatte sie es immer gehasst, dass er ihren Namen nie französisch aussprach. Ein heftiger Tritt in die Seite raubte ihr den Atem.
    “Nun, willst du mir nicht antworten?” Unhörbar war er näher gekommen, bis sie seinen Atem an ihrer Wange spüren konnte, heiß und feucht.

  95. Andrea

    Noch vor wenigen Tagen hatte sie sich gewünscht zu reden, da sie das Schweigen als Folterung empfand, aber dann kam irgendwann der Punkt in dem sie in gewisser Weise mit ihrem Leben abgeschlossen hatte. Wenn sie etwas von Ihm wußte, dann dass er sie niemals lebend gehen lassen würde, selbst wenn sie redete, daher hatte es keinen Sinn noch anderen Leuten Scherereien zu bereiten. Sie hatte sowieso schon zu viele unschuldige Menschen mit hineingezogen. Traurig dachte sie an Baboo und Markus. Was er wohl machte?, schoß es ihr durch den Kopf.
    Sie wollte ihren Kopf zurückziehen, weg von Louis, dessen naher Atem sie schaudern ließ, aber sie stieß schon an der Wand an. Sie schloß die Augen und biß sich auf die Unterlippe.
    Louis wartete immer noch, als keine Reaktion erklang, stieß er ihr seinen Stiefel ihr in die Seite und entgegnete dann auf Russisch an den Wächter: “Du weißt was du zu tun hast.”, mit diesen Worten verließ er den engen Kellerraum und ließ sie und den Mann alleine zurück.

  96. Markus schlug keinen bestimmten Weg ein, er ließ sich einfach treiben. Unwillkürlich bog er manchmal links, manchmal rechts ab und verlor schon binnen kürzester Zeit die Orientierung ohne dass er es überhaupt bewusst wahrnahm. Jeder einzelne seiner tausend Gedanken drehte sich um Melanie und die Situation in die er geraten war. Kann es denn wirklich sein? Ist Melanie wirklich to.. – Nein! Er konnte den Gedanken nicht einmal im Kopf formulieren weil der Schmerz zu groß war. Das durfte einfach nicht geschehen sein. Nicht jetzt, nicht hier, nicht gerade ihr! Aber der Polizist hat nun einmal von einer ermordeten Frau gesprochen… Welche Frau außer Melanie sollte sonst bei Babbou gewesen sein? Seine eigene Frau war längst gestorben und sonst wohnte dort niemand. Es konnte also nur eine Lösung geben. Aber so eindeutig die Situation sich auch darstellte – Markus konnte und wollte nicht eine Sekunde lang ernsthaft daran glauben. Nein, er war nicht einmal dazu in der Lage. Sobald sich diese Vorstellung in seinem Kopf zu manifestieren begann war seine Psyche stärker und zwang ihn zu kompletter Leere und Gedankenlosigkeit. Erst als er an einer Gruppe älterer Männer vorbeikam, drängte sich ein anderer Gedanke in den Vordergrund. Babbou. Krankenhaus. Aber in welchem lag er nur? Was war mit ihm passiert? Kannte er vielleicht die Antwort auf die unzähligen Fragen die Markus um den Verstand brachten? Es half nichts, er musste sich auf die Suche nach ihm machen. Nur darin sah Markus noch eine Chance nicht völlig durchzudrehen.

  97. Sonja

    Müde schloss er die Tür seines Büros hinter sich und ließ sich in den teuren, aber dafür unbequemen Schreibtischstuhl sinken. Eine Strebe der Lehne bohrte sich in seinen sowieso schon schmerzenden Rücken und er sprang genervt auf, trat mit voller Wucht gegen den Stuhl, so dass dieser eine Macke in die Wand dahinter schlug, und ballte die Fäuste. Er musste endlich wissen, was mit Melanie war! Sein einziger Anhaltspunkt war Babbou, Also nahm er das Telefonbuch zur Hand und rief nacheinander die aufgelisteten Krankenhäuser an, um nach dem alten Mann zu fragen. Erst im fünften, dem Hôpital “Fernand Widal” hatte er Glück, wobei ihm barsch mitgeteilt wurde, dass die Besuchszeit schon längst vorbei und Monsieur Clairmont zu geschwächt sei, um telefonieren zu können.
    Markus nahm sich vor, am nächsten Morgen als erstes zu Babbou zu gehen. Er schob die schweren Aktenstapel zur Seite und legte den Kopf auf seine verschränkten Arme. Binnen Sekunden war er eingeschlafen.

    Mitten in der Nacht schreckte er schweißgebadet hoch. Die helle Deckenlampe blendete seine verschwollenen Augen. Was hatte ihm nur gerade einen solchen Schauder über den Rücken gejagt? Er fuhr sich nachdenklich über’s Gesicht und versuchte sich an seinen Traum zu erinnern. Dieser war ganz verworren gewesen; er hatte von einem Mädchen geträumt, das im Wald Fliegenpilze sammeln ging und diese genüsslich aß, bis sie selbst von oben bis unten weiß-rot gesprenkelt wie ein kleiner Fliegenpilz aussah.
    Da fiel es ihm plötzlich ein: Das “Fernand Widal” war berühmt für seine Spezialisierung auf Vergiftungen.

  98. Andrea

    Früh am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg zum Krankenhaus. An der Anmeldung wies man ihn aufgrund der frühen Uhrzeit mit der Aussage ab, dass Besuchszeit erst ab 9 Uhr morgens beginne. Unruhig tigerte er über den Vorplatz des Krankenhauses, alle paar Sekunden einen Blick auf seine Uhr werfend. Wieso nur war er so früh hergekommen, er hätte es sich doch denken können? Nach einem erneuten Blick auf die Uhr, die immer noch erst kurz nach 8 Uhr anzeigte entschied er sich gegenüber in einem kleinen Cafe zu frühstücken. Er ließ sich nieder und beobachtete immer noch unruhig den Eingang des Krankenhauses während er in seinem Milchkaffee rührte und seinen Gedanken nachhing. Sollte Monsieur Clairmont tatsächlich vergiftet worden sein? Er rieb sich über die Stirn um die einsetzenden Kopfschmerzen zu vertreiben, was natürlich nicht viel half. Als er wieder in seinem Kaffee rührte und dabei die Kreise des Milchschaums betrachtete trat jemand an seinen Tisch. Durch den Schatten, der sich plötzlich über ihn senkte, erschrocken schaute er auf und in das grinsende Gesicht von Richard.

  99. Sonja

    Die Tür öffnete sich geräuschlos; Aris Blick strahlte Zufriedenheit aus. Er hätte nicht gedacht, dass es so einfach sein würde. Er sah sich in dem kleinen, karg eingerichteten Zimmer um – der Alte hatte Glück und musste keinen nervigen Bettnachbarn ertragen. So gesehen hatte auch Ari Glück, wobei er nicht an Glück und Unglück glaubte. Seiner Meinung nach hatte jeder sein Schicksal selbst in der Hand. Außer man ließ sich mit Louis ein…
    Er schob seine Gedanken beiseite und trat an das Bett. Die fahle Haut des Kranken hob sich kaum von den weißen Laken ab, die Beatmungsmaschine sorgte für ein regelmäßiges, ein wenig unnatürliches Heben und Senken der Decke.
    Ari wusste, dass er sich beeilen musste – bestimmt würde bald eine Schwester kommen, um nach dem Alten zu sehen.

  100. Andrea

    Er beugte sich über den alten Mann und rüttelte ihn an der Schulter. Es dauerte eine ganze Weile, bevor dieser reagierte und als er erwachte schaute er ihn aus angsterfüllten Augen an. Ari merkte an der Körperhaltung, dass der Mann versuchte sich von ihm abzuwenden, was ihm aufgrund der Schläuche aber nicht gelang.
    Ari hatte keine Zeit und auch keine Lust noch länger zu warten. Er senkte seinen Kopf ganz nahe an das Ohr des alten Mannes und flüsterte leise: “Wo ist sie? Wo ist Melanie?”
    Monsieur Clairmont entspannte sich aus unerklärlichen Gründen etwas und schüttelte den Kopf. “Ich weiß es nicht, man hat sie entführt.”, antwortete er mit leise krächzender Stimme.
    Ari zuckte zusammen. Entführt? Wer sollte noch ein Interesse an Melanie haben? Sollte das Miststück noch in andere Dinge verwickelt sein?
    “Wer hat sie entführt?”, fragte er nach einer Weile.
    “Ich weiß es nicht. Es waren drei Männer, zwei haben mich überwältigt und mir etwas eingeflößt, der andere hat Melanie verfolgt. Mehr habe ich nicht mehr mitbekommen.”
    Ari überlegte ob er die Schläuche aus der Beatmungsmaschine herausreißen sollte und dem alten Mann die ewige Ruhe bescheren sollte. Er hatte sein Leben sowieso schon so gut wie hinter sich, daher war es vermutlich eher eine Erleichterung. Irgendetwas hielt ihn jedoch davon ab und er ging ohne weitere Worte leise aus dem Krankenzimmer. Bei dem regen Treiben im Krankenhaus nahm niemand von ihm Notiz und so verschwand er so unerkannt wie er gekommen war. Schon als er das Zimmer verlassen hatte fragte er sich ob er langsam weich wurde.

  101. Sonja

    Im Gegensatz zu Ari hatte Louis’ anderer Gefolgsmann keine Skrupel. Ohne irgendeine Regung zu zeigen, ging er auf Melanie zu. Mit einem Mal packte sie eine ganz neue Art von Angst – Louis war ihr in gewisser Weise verbunden, auch wenn er es überspielen wollte; wenn er sie selbst getötet hätte, wäre ihr Tod schnell und schmerzlos gewesen. Aber dieser Mann hatte keinen Grund, höflich oder zurückhaltend zu sein. In ihrer Panik begann sie loszureden, flehte, bis ihr die Tränen kamen und sich kleine rosige Furchen über ihre staubigen Wangen bahnten.
    Die einzige Reaktion, die er erkennen ließ, war ein vorfreudiges Grinsen.

  102. Andrea

    Melanie atmete tief durch, da flehen nichts half wollte sie ihrem Tod wenigstens mit Anstand ins Auge sehen.

    Markus war überrascht, erschrocken – er konnte seine Gefühle gerade nicht in Worte fassen. Sprachlos starrte er Richard an. Dieser ließ sich wie selbstverständlich auf den noch freien Stuhl sinken und grinste ihn an. “Was ist los Monsieur Layard, Sie sehen aus, als hätte Sie ein Gespenst gesehen, dabei bin es doch bloß ich, Ihr Freund.”
    Markus versuchte sich zu fassen, aber er konnte gerade keinen klaren Gedanken fassen. Mit kratziger Stimme entgegnete er: “Was treibt Sie in diese Gegend? Machen Sie einen Krankenbesuch?”

  103. Sonja

    Für einen kurzen Moment schien Chirac irritiert, doch er hatte sich gleich wieder gefasst und sagte mit seinem üblichen Grinsen, das Markus mittlerweile zuwider war: “Ich habe die Papiere für deine Freundin, sind das nicht gute Neuigkeiten? Nun brauchst du nur noch deinen Teil unserer Vereinbarung zu erfüllen…”

  104. Andrea

    Als Markus sich nach einer schieren Ewigkeit und unzähligen Versprechen, die er nicht wußte wie er sie einhalten sollte, verabschiedet hatte, betrat er das Krankenhaus. Er hatte Kopfschmerzen und Schweißausbrüche, was vermutlich an der Aufregnung der letzten Tag lag. Er ging an die Informationstheke und versuchte die Schwester in Weiß auf sich aufmerksam zu machen, aber diese war scheinbar mit ihren Papieren zu beschäftigt und wand ihm nur den Rücken zu. Nach mehrmaligem Räuspern ohne Reaktion konnte er sich nicht mehr zurückhalten und rief vielleicht etwas zu laut: “Sollte Ihr Job nicht eigentlich darin bestehen mir weiterzuhelfen?”
    Neben der Schwester drehte sich auch so ziemlich alle Leute im Flur um und starrten ihn an. Er merkte wie sich erneut Schweißperlen auf seiner Stirn ansammelten.

  105. Sonja

    Einer der Schweißtropfen bahnte sich seinen Weg die Schläfe hinab, kitzelte die feinen Härchen auf der Wange und rann ungehindert den schutzlosen Hals hinunter, bis er im Nacken einen unwohligen Schauder auslöste. Am liebsten hätte sie sich die Haut aufgekratzt, aber ihre gefesselten Hände ließen sich keinen Zentimeter bewegen. Melanie hatte keine Ahnung, was der Mann vorhatte, sie wusste nur, dass sie endlich aus diesem Loch herausgebracht wurde, in dem sie die letzten Tage – oder waren es gar Wochen? – verbracht hatte.

    Er wischte sich über die schweißbedeckte Stirn und schaute in den strahlendblauen Himmel über ihnen. Einmal mehr fragte Markus sich, wo sie ihr Weg wohl hinführen würde. Ari ging stumm ein paar Schritte vor ihm, kickte gelegentlich einen Stein zur Seite und schien ganz in Gedanken versunken.

  106. Andrea

    Er war froh, dass Ari schwieg, denn seine unsinnigen Erzählungen waren viel anstrengender als sein Schweigen. Markus hoffte bald wieder ein Stück Zivilisation zu erreichen, denn diese einsame Einöde machte ihn krank. Er fühlte Gefühle in sich aufsteigen, die so extrem waren, dass sie nur auf die einsame Gegend oder – was sehr viel wahrscheinlicher war – auf seine Begleitung zurückzuführen waren. Erneut wischte er sich über die Stirn und blieb dann stehen. Als Ari ohne Reaktion weiterging, zuckte er nur mit Schultern und ließ sich auf einen Felsen nieder.

  107. Sonja

    Ari war schon ein ganzes Stück entfernt, bis er merkte, dass Markus nicht mehr hinter ihm lief. Auch er war erschöpft und ließ sich dort, wo er stand, nieder. Ihm war nicht danach, das ganze Stück wieder zurückzulaufen; der andere würde schon kommen, wenn er wollte. Wirre Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Ob Louis seinen Einsatz wohl zu schätzen wusste? Eigentlich glaubte er das nicht; vermutlich würde er sich seine Belohnung anderweitig holen müssen, zum Beispiel bei Melanie. Oh ja, das war eine gute Idee – vorausgesetzt, sie lebte noch…

    Aus der Ferne warf Markus Ari immer wieder einen prüfenden Blick zu. Er musste dringend eine Lösung finden, wie er aus dieser Situation herauskam. Nur, wie sollte das funktionieren? Hatte er überhaupt eine Chance?

  108. Andrea

    Der Blick der Krankenschwester war feindselig, aber sie konnte dies gekonnt überspielen und gab ihm freundlich Auskunft. Markus dankte ihr und beeilte sich den Flur entlang zum Zimmer von Monsieur Clairmont zu kommen um dem Blick der Schwester zu entgehen. Er schämte sich etwas sie vor all den Leuten bloß gestellt zu haben, aber seine Nerven lagen blank, da machte man manchmal Dinge, die man sonst nicht machte. Leise klopfte er und drückte dann den Türgriff herunter. Die schwere Tür schwang auf und machte den Blick auf ein Krankenbett frei, auf dem ein alter Mann lag, angehängt an unzählige Schläuche. Markus schluckte schwer und betrat den sterilen Raum. Er hasste Krankenhäuser, irgendwie erweckten diese bei ihm immer das Gefühl von Tod und so falsch lag er damit gar nicht.

  109. Sonja

    Leise schloss er die Tür hinter sich. Durch die ausgesperrten Geräusche klang das Piepsen der Geräte um das Bett mit einem Mal viel lauter. Markus ging langsam auf das Bett zu und setzte sich vorsichtig auf einen klapprigen Stuhl, der daneben stand, da er den Alten nicht wecken wollte.

    Einige Zeit später – waren es Minuten oder gar Stunden? – schreckte Markus hoch und fuhr sich verwirrt mit den Händen übers Gesicht. Er war eingeschlafen, obwohl ihm so etwas sonst nicht passierte; die ganze Sache nahm ihn mehr mit, als er zugeben wollte. Seine Glieder schmerzten (der Stuhl war so unbequem, wie er aussah) und er stand auf, um sich ein wenig zu bewegen. Erst da bemerkte er, dass das Bett neben ihm leer war und es ungewöhnlich still in dem Zimmer war, zu still…

  110. Andrea

    Er fuhr erschrocken herum und stolperte dann aus dem Zimmer. Was war passiert? War Babbou neben ihm gestorben? Warum hatte man ihn nicht geweckt? Als er sich im sterilen Flur umsah war auch dieser wie ausgestorben. Wo waren nur alle hin? Er war doch hier in einem Krankenhaus, da konnten doch nicht alle verschwunden sein. Markus warf einen Blick auf seine Uhr. Schon 20 Uhr. Hatte er so lange geschlafen? Seine Hand fuhr durch das sowieso schon wirre Haar und ließ es nach allen Seiten abstehen. Er mußte jemanden finden! Mit ruhigen Schritten ging er nach einigem tiefen Durchatmen den Gang entlang auf der Suche nach Personal.

  111. Sonja

    Markus eilte an verschlossenen Türen vorbei, bis er zum Schwesternzimmer kam. Aber auch dort war niemand zu sehen. Seine Verwirrung steigerte sich allmählich in eine beginnenden Panik – was war hier passiert? Ein Krankenhaus konnte doch nicht innerhalb von Stunden leergeräumt werden, ganz abgesehen davon, dass so etwas einfach sinnlos war!
    Er lief weiter, langsamer diesmal, und öffnete die Türen, an denen er vorbeikam. Keines der Zimmer war belegt, überall herrschten peinliche Ordnung und absolute Ruhe. Die Falten auf Markus’ Stirn vertieften sich und er beschloss, das Gebäude besser zu verlassen. Als er zum nächsten Fahrstuhl kam, drückte er auf den Rufknopf, doch nichts geschah.

  112. Andrea

    Aufzug auch kaputt?, schoß es ihm durch den Kopf. Das ist doch alles nicht wahr. Er kniff sich selbst in den Arm um sicher zu gehen, dass er nicht noch träumte. Doch der Schmerz war sehr real. “Tief durchatmen”, murmelte er vor sich hin und versuchte seinen erhöhten Puls in den Griff zu bekommen. Etwas ruhiger ging er die wenigen Schritte zum Treppenhaus und ging die Treppe ein Stockwerk hintunter. Als er die Tür aufstieß und dort einen Blick in den Flur warf. Auch hier war alles ruhig, aber dann hörte er eine Tür ins Schloß fallen und folgte dem Geräusch. Gerade als er die Tür öffnen wollte, von der er dachte, dass das Geräusch gekommen war, wurde diese von innen aufgestoßen und er konnte gerade noch einen Schritt zurücktreten um diese nicht auf die Nase zu bekommen. Der uniformierte Mann, der daraus hervortrat schaute ihn erschrocken an. “Was machen Sie hier?”, fuhr er ihn an und Markus zuckte angesichts des Tonfalls leicht zusammen.
    “I..Ich bin auf der Suche nach einem Arzt.”, stotterte er verwirrt. Der Mann packte ihn am Arm und zog ihn hinter sich her. “Kommen Sie mit, Sie dürften nicht hier sein. Das Gebäude wurde aufgrund einer Bombendrohung evakuiert. Ich überprüfe hier nur noch die letzten Zimmer.”
    Markus wollte sich erst losreißen, hielt dann jedoch inne. “Bombendrohung? Seit wann?”
    Der Mann hielt sein Tempo bei. “Vor einer Stunde kam die Drohung rein, seitdem haben wir das Krankenhaus so gut wie evakuiert. Ich bin selbst erstaunt, dass das so schnell geklappt hat, aber anscheinend war gerade keine Operation im Gange.”

  113. Sonja

    Der Uniformierte übergab Markus wenig später an eine Kollegin, die ihn aus dem Gebäude zu einer großen Gruppe Wartender brachte. Die Leute – nicht nur Angestellte, auch Besucher und viele Passanten – redeten aufgeregt und zeigten immer wieder auf das Krankenhaus und die Polizisten. Markus schob sich durch die Menge und merkte erst, als er aus dem Gewimmel heraus war, dass er kaum Luft bekam. Er atmete bewusst tief ein und aus, bis er sich beruhigt hatte. Wie sollte er Babbou in dem Chaos nur wiederfinden, wenn er nicht sogar in ein anderes Krankenhaus gebracht worden war? Und wieso hatte ihn keiner geweckt? Man hatte ihn ja wohl kaum übersehen können, oder?
    Gerade als er sich wieder zu den Wartenden umdrehte, um auf gut Glück eine Krankenschwester nach dem Verbleib der Patienten zu fragen, wurde er so hart angerempelt, dass er strauchelte.

  114. Andrea

    Er fing sich mit den Händen auf und fuhr sofort wieder hoch. Nur ja nicht in eine Situation kommen, in der er Ari ausgeliefert war! Er drehte sich um und sah seinen Begleiter einige Meter hinter ihm. Er war in Gedanken versunken gewesen und hatte daher den Ast übersehen, der ihn ins Stolpern gebracht hatte. Sie waren weit gekommen heute, aber als es dämmerte war wieder kein Unterschlupf in Sicht.
    “Hattest du nicht gesagt wir erreichen eine Hütte?”, fragte Markus mit zusammengebissenen Zähnen um die Wut zu unterdrücken.
    Ari zuckte mit den Schultern. “Ich dachte ja, aber vielleicht um die nächste Biegung.”, ohne einen weiteren Blick lief er an Markus vorbei und übernahm die Führung.
    Wo nur sollte das hinführen, fragte sich Markus nicht zum ersten Mal.

  115. Sonja

    Wenigstens regnete es nicht wieder, so dass sie eine Nacht im Freien nicht völlig durchnässen würde. Der harte Boden war keine wirklich gute Alternative, aber ihnen blieb nichts anderes übrig. Kaum saß er, vielen Markus die Augen zu. Zwanghaft versuchte er, nicht vor Ari einzuschlafen, aber da der sich ein Stück entfernt niedergelassen hatte, konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen, ob er schon schlief. Wieder einmal wanderten seine Gedanken zu Melanie – lebte sie überhaupt noch oder würde er so oder so zu spät kommen?
    Kurz vor der Morgendämmerung riss ihn ein markerschütternder Schrei aus tiefem Schlaf.

  116. Andrea

    Er sprang auf und sein Kopf fuhr wild hin und her. Was war das? Wo kam es her? Er konnte keine Ursache erkennen. Sein Blick suchte Ari, aber der Platz wo dieser am Abend vorher gesessen hatte war leer. War ihm etwas zugestossen? Er verwarf den Gedanken sofort wieder. Solchen Menschen wie Ari stieß nichts zu. Er ging zu Ari’s Nachtlager und inspizierte den Platz. Er war leer, Ari hatte seinen Rucksack und seine Decke mitgenommen. Neugierig lief er einen kleinen Pfad, der nicht weit entfernt in den Wald hineinführte, entlang. Währenddessen dachte er die ganze Zeit darüber nach, ob es nicht schlauer war einfach zu gehen und Ari zurückzulassen. Dann hätte er ihn endlich los. Aber auf der anderen Seite hoffte er immer noch über Ari irgendwie an Melanie heranzukommen. Ja Melanie. Er seufzte und die Bilder aus seinem Traum stiegen wieder vor ihm auf und ließen Tränen in seine Augen steigen. Er blinzelte und wäre dadurch fast gestolpert. Als er sich wieder gefangen hatte und nachsah was da im Weg lag, erschrak er.

  117. Sonja

    Er stießt fest mit dem Fuß gegen die bewusstlos auf dem Boden liegenden Frau. Verflucht, war er zu hart mit ihr umgegangen? Louis würde ihn umbringen, wenn seine geliebte Melanie starb, bevor er sein Ziel erreicht hatte. Dieses … Miststück!, dachte er voller Hass, sie war Schuld, dass Louis so den Kopf verloren hatte, sie hatte ihre Pläne durchkreuzt und deshalb musste sie… Er hielt inne, als sie sich nach einem weiteren Tritt stöhnend bewegte. Na gut, immerhin lebte sie noch, auch wenn er sie lieber tot gesehen hätte. Dann konnte er jetzt ja weitermachen. Hämisch grinsend beugte er sich über sie.

  118. Andrea

    Melanie kam die Dunkelheit gerade recht. Sie hatte keine Kraft mehr und wollte nur noch sterben, aber so schnell ließ das Leben sie wohl nicht los, denn der Tritt in ihre Seite war sehr hart gewesen. Sie fühlte also noch. Ob das jetzt positiv oder negativ war, war sie sich noch nicht sicher. Sie wollte die Augen nicht öffnen, auch wenn sie merkte wie das Bewußtsein langsam zurück kam, aber dann wurde sie gepackt und hochgezogen. In dem Moment kam der Schmerz mit solcher Wucht zurück, dass sie wirklich lieber gestorben wäre. Jeder Teil ihres Körpers schmerzte und sie konnte das Stöhnen nicht mehr unterdrücken. Die Stimme war noch weit weg, aber sie wußte sowieso wer es war. Es würde nicht so leicht enden, noch nicht.

  119. Sonja

    Irgendwann endet alles, dachte Markus, während er sich über die Überreste auf dem Waldweg beugte. Sein Magen rebellierte heftig und doch konnte er sich nicht abwenden. Was war hier nur passiert? Und wo, zum Teufel, steckte Ari?
    Die Sonne erhellte allmählich den Tag, doch noch lag ein feiner Dunstschleier über allem. Markus sah sich argwöhnisch um und lauschte den typischen Geräuschen des Waldes. Hatte er dort hinten nicht ein verräterisches Knacken gehört? Kurz schweifte sein Blick auf den Haufen im Weg zurück und erneut stieg ihm die Galle hoch. Mit dem sich verziehenden Dunst beugten sich die scharfen Schatten der umstehenden Bäume über ihn und Markus schauderte.

  120. Andrea

    Als er seinen Würgereiz einigermaßen im Griff hatte und statt durch die Nase durch den Mund atmete um dem Gestank zu entgehen beugte er sich näher an den Haufen heran um zu sehen, was das ist. War das ein totes Tier? Es sah nach Fleisch und Knochen aus, aber nicht mehr so intakt, dass man Formen erkennen konnte. Gerade als er seine nähere Inspektion aufgrund des wirklich unerträglichen Gestankes abbrechen wollte sah er einen goldene Ring aus dem Fleischhaufen herausschauen. Er verscheuchte eine Krähe, die sich langsam von der Seite genähert hatte und griff hinein. Über die Konsistenz dessen, was seine Finger durchdrangen, wollte er gar nicht nachdenken. Er zog den Ring heraus und erschrak, als er Schritte hinter sich hörte.

  121. Sonja

    “In der Not frisst jeder das, was er findet, selbst wenn es sein Nachbar ist, nicht wahr?” Ari’s höhnisches Lächeln war selbst im Schatten der Bäume zu erahnen. Markus’ Puls beruhigte sich nur langsam, als er sich erhob und den Ring möglichst unauffällig in seine Hosentasche gleiten ließ; er versuchte, nicht daran zu denken, welche Überreste noch an dem Schmuckstück hängen mochten. Den aufmerksamen Augen Ari’s war nicht anzumerken, ob er es gesehen hatte, und eigentlich war es Markus auch egal. Ebenso egal war ihm, was Ari von ihm dachte.
    “In welche Richtung müssen wir?”, fragte er, statt auf den Kommentar des anderen einzugehen. Er wollte diesen undefinierbaren Haufen möglichst schnell vergessen und endlich diese verfluchte Einöde verlassen.

  122. Andrea

    Eine Hand half Markus hoch und er schaute in das Gesicht eines freundlich lächelnden Mannes, der ihm irgendwie bekannt vor kam, den er aber nicht zuordnen konnte. Er klopfte seine Hose ab und bedankte sich lächelnd. “Hoffen wir mal, dass sich das ganze Chaos hier bald gibt, wie?”, entgegnete der Mann grinsend und wies auf das rege Treiben vor dem Krankenhaus. Markus nickte nur kurz und hielt wieder Ausschau nach einer Krankenschwester. Einige Meter rechts von ihm entdeckte er dann auch eine und drängte sich zu dieser vor. Diesmal schaffte er es auch und berührte die Frau leicht an der Schulter um auf sich aufmerksam zu machen. Die Frau fuhr herum und schaute ihn mißmutig an und plötzlich flammte Erkennen in ihrem Blick auf und dunkle Wolken durchzogen ihren Gesichtsausdruck. “Was wollen Sie?”, entgegnete sie genervt.

  123. Sonja

    “Entschuldigen Sie bitte”, stotterte Markus, “ich weiß, Sie haben gerade genug anderes zu tun, aber… mein Bekannter… können Sie mir vielleicht sagen, wo man ihn hingebracht hat?”
    Vor lauter Aufregung vergaß er zu sagen, um wen es sich handelte, und die Schwester hob entnervt eine Augenbraue, während sie ihn von oben bis unten betrachtete. “Und wie kommen Sie darauf, dass ich gerade Ihnen helfen sollte, bei dem ganzen Chaos hier?” Ihre Handbewegung umfasste die wimmelnden Menschen auf dem Platz vor dem geräumten Gebäude.
    “Bitte…” Er merkte, dass er fast so klang wie ein kleines, bettelndes Kind und für einen Moment dachte er voller Schrecken an seine Tochter Lily. Nach einem tiefen Luftzug sprach er ruhig weiter: “Wenn Sie mir nicht helfen möchten, können Sie mir wenigstens sagen, an wen ich mich wenden kann?”

  124. Andrea

    Sie zeigte schon sichtlich ungehalten auf einen Polizisten, der ein Stück entfernt stand und die Menschen am Absperrband zurückdrängte. Markus bedankte sich kleinlaut und versuchte sich durch die vielen Wartenden hindurchzukämpfen. Es ging sehr schleichend voran und nach vielen bösen Blicken und keinem wirklichen Vorankommen gab er es auf und entschied sich dafür später am Tag oder am Folgetag nochmals vorbei zu schauen. Auch wenn ihn diese Verzögerung schier wahnsinnig machte. Gedankenverloren lief er durch die Straßen von Paris und merkte nach einer Weile, dass er sich zwar nicht verlaufen hatte, dies aber auch nicht sein beabsichtigter Heimweg war. Er war in einer kleinen Seitengasse gelandet, die etwas düster war, und spürte sogleich ein leichtes Frösteln. Hastig ging er zurück zur Hauptstraße und schaute sich nach einem Taxi um.

  125. Sonja

    Er nannte dem Taxifahrer die Adresse und stieg wenig später vor Clairmonts Haus aus. Die Gedanken an seine Schwäche, die er im Krankenhaus gezeigt hatte, verdrängte er so gut es ging. Ari hoffte, dass die Entführer irgendeine Spur hinterlassen hatten – sollte es so sein, würde er sie finden. Eine Frechheit, ihm die Hure vor der Nase wegzuschnappen! Ein grimmiger Zug legte sich über sein Gesicht. Wenn er Louis nicht enttäuschen wollte, musste er sie finden.
    Er machte sich nicht die Mühe, das Schloss zu knacken, sondern trat die altersschwache Tür einfach mit einem kräftigen Tritt ein. Muffige Luft schlug ihm entgegen; man konnte geradezu riechen, dass hier nur alte Leute gelebt hatten. Ari schüttelte sich kurz, dann machte er sich auf die Suche.

  126. Andrea

    Er durchkämmte ein Zimmer nach dem anderen und immer wieder warf er achtlos Dinge auf den Boden. Einige Tassen in der Küche gingen zu Bruch, ebenso eine Teekanne, aber was kümmerte ihn das. Nach einer Weile ließ sich Ari auf einem Stuhl in der Küche nieder und betrachtete den Raum. Wer nur hatte den alten Mann überfallen ohne Spuren zu hinterlassen? Das ganze erschien sehr professionell, aber wer hatte sonst noch ein Interesse an Melanie? Er dachte an Louis und erhob sich wieder. Mit einem Fußtritt brachte er den Stuhl zu Fall. Verdammt, es hätte so leicht sein können, was lief hier falsch? Vielleicht sollte er den jungen Mann, den er einmal an der Tür gesehen hatte, näher unter die Lupe nehmen. Nachdem ihm nichts besseres einfiel, entschied er sich dafür und verließ das alte Gebäude durch die zerstörte Eingangstür. Tief sog er die frische Luft in sich auf und bog um die Ecke.

  127. Sonja

    Vor sich hingrübelnd ging er eine Weile durch die Straßen, die immer leerer wurden. Ein leichter Nieselregen kündigte eine Schlechtwetterfront an und Ari schlug schützend seinen Mantelkragen hoch. Wie sollte er diesen Mann nur finden? Immerhin hatte er ihn nur einmal kurz gesehen. Zurück zum Krankenhaus zu gehen, hatte wenig Sinn – aus dem Alten würde er bestimmt nichts Hilfreiches mehr herausbekommen.
    Das Klingeln seines Handys ließ ihn erschrocken zusammenfahren. Er atmete ein paar Mal tief durch, dann nahm er den Anruf an.

  128. Andrea

    “Verdammt Anton, wo treibst du dich herum?”, klang es lautstark aus dem Hörer, so dass er ihn sogleich etwas von seinem Ohr weghielt. Als am anderen Ende Stille herrschte räusperte sich Anton kurz und begann: “Hallo Louis, schön von dir zu hören. Ich bin natürlich in deinem Auftrag unterwegs, immer noch bei der Arbeit. Was gibt es?”
    Einen kurzen Moment sagte keiner ein Wort, dann fluchte Louis los: “Was es gibt? Du fragst mich das allen Ernstes? Wo ist sie? Wo ist das verdammte Weibsstück?”, er klang sehr ungehalten und Anton hätte am Liebsten aufgelegt.
    “Ich habe sie noch nicht, bin aber dabei. Es scheint als hätte es noch jemand auf sie abgesehen. Kannst du dir denken wer noch ein Interesse an ihr hätte?”, letztlich half sowieso nur die Wahrheit, Lügen waren bei Louis Stimmung fehl am Platz.

  129. Sonja

    “Sorge dafür, dass du sie so schnell wie möglich findest!” Nach diesen Worten hörte Ari nur noch den Besetztton – Louis hatte aufgelegt und Ari wusste, dass er seine letzte Chance nutzen musste.
    Gerade als er das Handy in seine Jackentasche steckte, sah er im Augenwinkel einen Mann aus einer Gasse kommen, der ihm irgendwie bekannt vorkam. War das nicht… ja! Das war der Mann, den er suchte! Ari konnte sein Glück kaum fassen. Endlich schien ihm das Glück gewogener zu sein!
    Lautlos folgte er dem Mann mit ein paar Metern Abstand.

  130. Andrea

    Als der Mann in ein Taxi stieg, winkte auch Ari sich eines herbei und ließ es mit zwei Fahrzeugen Abstand dem anderen folgen. Dies stellte sich beim Pariser Verkehr als wahre Herausforderung dar, aber der Taxifahrer fand diese Verfolgungsjagd spannend und machte einen guten Job.
    Vor einem Haus in der Rue Saint-Martin hielt das andere Taxi und der Mann stieg aus. Ari wartete kurz und folgte dann dessen Beispiel. Als der Mann in einem Hausflur verschwand rannte Ari hastig hinein bevor die Tür ins Schloß fiel. Dann wartete er bis die Schritte sich entfernt hatten und schlich hinterher. Nun wußte er wo dieser Mann wohnte und vielleicht war er Melanie dadurch näher als er das noch vor wenigen Stunden gedacht hätte.

  131. Sonja

    Markus fragte sich immer wieder, ob er das alles nicht hätte verhindern können. Was wäre gewesen, wenn er nicht auf Melanies Bitte eingegangen wäre? Wenn er vorsichtiger gewesen wäre, sich nicht eingemischt hätte, nicht mit Ari… Ach, was nutzt jetzt diese Grübelei?, schimpfte er mit sich selbst.
    Wie in Trance folgte er Ari, seit sie den leblosen Haufen im Wald hinter sich gelassen hatten. Er hatte keine Ahnung, wohin der andere wollte, aber das war ihm im Moment auch egal. Ihn ekelte bei dem Gedanken an den verschmutzten Ring in seiner Tasche, aber bisher hatte er noch keine Gelegenheit gehabt, ihn unbemerkt herauszuziehen und genauer anzuschauen. Fast wäre er in Ari hineingelaufen, als dieser plötzlich stehen blieb.

  132. Andrea

    “Kannst du nicht aufpassen?”, fragte dieser erschrocken, als er durch das leichte Anrempeln von Markus beinahe in den Haufen vor sich gestiegen wäre. Er trat einen Schritt zurück um seinem Begleiter freie Sicht zu ermöglichen. Dieser erschrak und sprang ebenfalls zurück. “Wa… Was ist das?”
    Ari zuckte nur mit den Schultern. “Woher soll ich das wissen? Vielleicht ist hier ein Massenmörder unterwegs, der eine Spur gelegt hat.”, entgegnete er mit einem Augenzwinkern.
    Markus nickte. “Was auch immer, dann sollten wir wohl auf der Hut sein.”, er überlegte ob Ari etwas mit diesen Fleischhaufen zu tun hatte. War das wirklich Menschenfleisch oder am Ende ein Tier, das von einem anderen gerissen wurde? Während Ari darüber hinwegstieg betrachtete Markus die Masse genauer auf der Suche nach einem ähnlichen Hinweis wie dem Ring. Doch nichts. Nur er hatte das Gefühl braunes Fell zu sehen. Vielleicht doch nur ein Tier? Vermutlich waren seine Nerven einfach überreizt. Kopfschüttelnd folgte er Ari.

  133. Sonja

    Die seltsamen Kadaver machten Ari unruhig. Außerdem hatte er seit mehreren Tagen kaum etwas gegessen und spürte, wie seine Kräfte allmählich nachließen. Ihn wunderte, dass Markus nicht schon längst schlapp gemacht hatte. Er vergrößerte seine Schritte, um möglichst schnell vorwärts zu kommen, und als meinte es jemand gut mit ihm, erblickte er nach einer Weile die Dächer von ein paar Hütten. Ob noch jemand dort lebte, war aus der Ferne nicht zu erkennen, aber er hoffte es nicht – er wollte nicht noch mehr Unschuldige töten.

  134. Andrea

    Ari stand vor der Wohnungstür in der der Mann, den er verfolgte verschwunden war und lauschte auf die Geräusche, die von innen an sein Ohr drangen. War das ein Kinderlachen? Er blieb an der Wand gelehnt stehen und betrachtete aufmerksam den Flur während er weiter einfach nur lauschte. Oh ja, das war ein Kind. Kinder sind immer ein gutes Druckmittel, dachte er und ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht.

  135. Sonja

    Er wusste nicht, wie lange er im Flur gestanden hatte, als plötzlich die Tür geöffnet wurde. Für einen Moment fiel warmes Licht auf ihn, und er drückte sich rasch in den nächsten Türrahmen. Das Kind bettelte um etwas, was er nicht verstand, der Mann murmelte eine beruhigende Antwort, dann schloss sich die Tür wieder. Ari hielt die Luft an, als der Mann nur wenige Zentimeter von ihm entfernt vorbeieilte. Kaum war die Eingangstür des Gebäudes mit einem lauten Krachen zugefallen, atmete er erleichtert aus. Was sollte er jetzt tun: ihm folgen oder sich um das Kind kümmern? Lange konnte er nicht überlegen, da er den Mann sonst verlieren würde, also machte er sich kurzentschlossen auf den Weg, ihm zu folgen. Das Kind würde ihm nicht so schnell davonlaufen.

  136. Andrea

    Ihm war nicht wohl dabei seine Tochter alleine zu lassen, sie war doch noch so klein. Aber es half nichts, er mußte noch einmal ins Büro. Vielleicht hatte ihm Melanie ja dort eine Nachricht hinterlassen. “Es dauerte nicht lange, er war sicher in einer Stunde zurück.”, mit diesen Gedanken versuchte er sein schlechtes Gewissen zu beruhigen während er die Treppen hinuntersprang und ein Taxi herbeiwinkte. Seine Unaufmerksamkeit war so groß, dass ihm der Mann, der ihn verfolgte, total entging.
    Er ließ die Tür des Bürogebäudes achtlos zufallen und stieg in den Aufzug zu seinem Büro. Diese Achtlosigkeit nutzte sein Verfolger aus und stellte seinen Fuß in die zufallende Tür, was ihm ebenfalls Zugang verschaffte.

  137. Sonja

    Auch wenn er nicht damit gerechnet hatte, eine Nachricht von Melanie zu finden, war er doch enttäuscht, in seinem Büro nur das übliche Chaos vorzufinden. Müde ließ er sich auf seinen Bürostuhl sinken. Im blieb wohl nichts anderes übrig, als am nächsten Tag noch einmal zu versuchen, Babbou zu besuchen.

    Er fuhr seinen PC noch und suchte nach aktuellen Meldungen zu der ermordeten Frau. Doch auch im Internet fand er keine weiteren Informationen. Genervt drehte er sich auf seinem Stuhl im Kreis; als sein Blick auf das nachtschwarze Fenster fiel, meinte er für den Bruchteil einer Sekunde, darin die Spiegelung eines hageren Gesichts zu sehen.

  138. Andrea

    Als er nun, während er neben Ari stand, an diesen Abend zurückdachte kam ihm der Gedanke, dass dieses Gesicht Ari gewesen sein musste, wer sonst sollte ihn verfolgen? Er fuhr sich nervös über das Gesicht. War das damals der Anfang von all dem gewesen?

  139. Sonja

    Nein, Markus schüttelte unbewusst den Kopf, wenn man einen Anfang finden konnte, dann den Anruf von Melanie. Die Erinnerung daran ließ ihn einmal mehr an sie denken – ob er überhaupt eine Chance hatte, sie zu finden, lebend?
    Aber selbst wenn, wie sollte es weitergehen? Er fühlte sich eindeutig zu ihr hingezogen, aber galt das auch für sie? Selbst wenn, was für eine Zukunft konnten sie schon haben?

    Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Ari in plötzlich am Arm packte, den Finger an die Lippen gelegt.

  140. Andrea

    Er fuhr erschrocken auf seinem Schreibtischstuhl zurück, aber er sah niemanden. Sein Blick durchforstete wild den Raum, doch nichts. Gerade als er aufstehen und in den Wandschrank, in dem sich eigentlich nur Aktenordner befinden sollten, schauen wollte, sah er den Spalt, den die Tür offen stand. Hatte er sie offen stehen gelassen? Er konnte sich nicht erinnern. Normalerweise schloss er immer die Tür hinter sich, aber was war zur Zeit schon normal. Mit der rechten Hand strich er sich eine Haarsträhne aus der Stirn, auf der kalter Schweiß stand. In was nur war er hineingeraten? Er füllte einen Becher mit Wasser aus dem Kühlschrank, zum Glück hatte er immer Getränke auf Vorrat im Büro, denn seine Kehle fühlte sich gerade so trocken an, dass sie geradezu nach Flüssigkeit lechzte. Gerade als das Wasser seine Kehle hinabrann bildete er sich einen Lufthauch im Nacken ein und fuhr herum. Doch er war alleine, wieder.

  141. Sonja

    Alleine wäre er auch jetzt gerne gewesen, obwohl er wusste, dass Ari seine einzige Möglichkeit war, Melanie vielleicht doch noch zu finden. Markus wartete jedoch noch auf eine Eingebung, wie er irgendwelche Informationen aus Ari herauskitzeln könnte. Mittlerweile war er sogar bereit dazu, Gewalt anzuwenden. Doch dazu müsste er Ari erst einmal außer Gefecht setzen und das war einfacher gesagt als getan.

    Er folgte Aris stummem Kopfnicken in Richtung der paar Häuser, denen sie sich bis auf hundert Meter genähert hatten. Doch er konnte keine Anzeichen dafür entdecken, dass dort noch jemand wohnte. Genausowenig konnte er erkennen, wieso Ari mit einem Mal so wachsam war. Mit zusammengekniffenen Augen ließ er seinen Blick noch einmal über die Häuser wandern.

  142. Andrea

    Die Ansiedlung sah verlassen aus, einige Fensterläden knarrten leicht im Wind, aber von Menschen keine Spur. Zumindest auf den ersten Blick. Dann nahm er eine Bewegung zwischen einem der Häuser und dem danebenliegenden Schuppen wahr. Er wandte sich erschrocken zu Ari um, doch der Platz neben ihm war leer. Wo war dieser verfluchte Kerl wieder hin, schoss es ihm durch den Kopf. Dass ihm was passiert war, schloss er aus, solchen Menschen passierte schließlich nie etwas. Er lief vorsichtig auf die Stelle zu, an der er sich die Bewegung eingebildet hatte und lugte um die Ecke. Was er dort sah, ließ ihn zurücktaumeln. Niemals hätte er sich so etwas in seinen wagsten Träumen vorzustellen gewagt.

  143. Sonja

    Nach einer Schrecksekunde und einem tiefen Atemzug riss er sich zusammen. Das, was er gemeint hatte zu sehen, konnte einfach nicht wahr sein. Vermutlich hatten Übermüdung und Hunger ihm etwas vorgegaukelt, ein Hirngespinst, nichts weiter. Markus schaute noch einmal zu dem Schuppen hinüber, doch er hatte sich nicht getäuscht. Sicherheitshalber kniff er sich in den Arm, aber er hatte nicht das Glück zu träumen.

  144. Andrea

    Am Boden lag ein ähnlicher Haufen, wie der im Wald, nur viel größer und darüber gelehnt stand eine Person. Ob Frau oder Mann konnte er aus seiner Position heraus nicht erkennen, aber das spielte vermutlich keine Rolle. Zumindest war es nicht Ari, denn dieser war noch immer wie vom Erdboden verschluckt. Was machte die Person dort? Es machte den Anschein, als stocherte sie mit ihren Fingern in dem Haufen herum, als ob sie etwas suchen würde. Markus merkte wie ihm übel wurde und schluckte krampfhaft um die Übelkeit zu vertreiben.

  145. Sonja

    Dann richtete die Gestalt sich auf, blickte sich um – Markus zog rasch den Kopf zurück – und war verschwunden, als er wieder einen Blick riskierte. Noch während er überlegte, ob er sich den Haufen ebenfalls ansehen sollte, wurde er von hinten gepackt.

  146. Andrea

    “Na, was hast du entdeckt?”, Ari grinste ihn an, seine Finger bohrten sich noch immer in seine Schulter. Markus fluchte und schlug die Hand des Anderen weg. “Was soll das? Warum erschreckst du mich so? Und wo warst du überhaupt?”, während er ihn mit Fragen löcherte lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Stand jemand hinter ihm?

  147. Sonja

    Der Bürostuhl drehte sich noch immer, als Markus schon längst nicht mehr im Büro war. Das war ihm dann doch zu gruselig geworden; er hatte sowieso seit Tagen das Gefühl, verfolgt zu werden. Es zog ihn nach Hause zu Lily und das schlechte Gewissen wuchs mit jedem Schritt, den er zurücklegte. Er hätte sie nicht so lange allein lassen sollen, sie war doch noch ein kleines Mädchen…
    Immer wieder blickte er sich ängstlich um, doch er konnte keinen Verfolger ausmachen. Vermutlich hatte er es sich doch bloß eingebildet, dass im Fenster das Spiegelbild eines Gesichts zu sehen gewesen war. Trotzdem wurde er das Kribbeln in seinem Nacken nicht los, das sich einstellt, wenn man sich verfolgt fühlt.
    Doch Ari hatte es gar nicht nötig, diesen komischen Anzugträger zu verfolgen, wusste er doch ganz genau, wo er wohnte. Zufrieden sank er auf sein Hotelbett – er würde noch ein wenig warten, bis der Mann und das Kind schliefen, dann würde er zur Tat schreiten.

  148. Andrea

    Als er die Wohnung betrat, schlief Lily schon. Er hatte kurz bevor er gegangen war noch die Nachbarstochter gebeten nach seiner Tochter zu sehen und sie war es gewohnt, dass er spät nach Hause kam und wunderte sich daher nicht. Sie berichtete ihm kurz vom restlichen Abend und ließ ihn dann alleine. Da er noch immer ein seltsames Gefühl hatte, wollte er Lily nicht alleine lassen und setzte sich neben ihr Bett, wo er schließlich auf seinen Armen einschlief.
    Geweckt wurde er von einem Knarren der Bodendielen im Flur, er wollte sie schon so lange richten lassen, hatte es aber immer wieder aufgeschoben. Wer weiß wozu das gut war. Sein Blick fuhr zu seiner Tochter, doch sie lag noch friedlich schlafend in ihrem Bett. Wer hatte das Knarren denn dann ausgelöst? Seine Gedanken überschlugen sich. Er schaute sich nach einer Waffe um und ergriff einen Besen, den Lily immer verwendete, wenn sie gerade Hexe spielte. Mit erhobenem Besen stand er so hinter der Tür und wartete. Ganz leise und unscheinbar bewegte sich diese und Markus wartete nicht ab, sondern fuhr hervor und schlug demjenigen, der im Türrahmen stand, den Besen über den Kopf, so dass dieser mit einem Aufschrei zusammenbrach.

  149. Sonja

    Aufgeschreckt von dem Gepolter wachte Lily auf. “Papaaa?”, nuschelte sie verschlafen und rieb sich über die Augen, während Markus noch einmal mit dem Besenstiel ausholte. “Papa, was machst du da?”, drang Lilys Stimme in sein Bewusstsein und mit einem Blick auf die reglose Gestalt hob er beschwichtigend die Hand in ihre Richtung. “Es ist alles in Ordnung, ma chérie, schlaf weiter.”
    Er versuchte, die Gestalt mit dem Fuß auf den Gang hinauszuschieben, um die Tür hinter sich schließen zu können, aber sie war zu schwer. Und da Kinder nicht immer tun, was man ihnen sagt, stand Lily einen Augenblick später neben ihm, zog an seiner Hand und fragte: “Papaaa, wer ist das?”

  150. Andrea

    Er stellte sich zwischen sie und die Person am Boden und drückte ihren kleinen Kopf an sich. “Ich weiß es nicht, vielleicht ein Einbrecher. Papa kümmert sich um ihn, geh jetzt wieder ins Bett.”, er drehte sie um und schob sie Richtung Bett, aber sie wand sich immer wieder um, bevor sie sich widerwillig ins Bett bringen ließ. Er ließ das Licht aus, damit sie nicht genau sah, was vor sich ging und packte die Person am Boden unter den Achseln und schleppte sie in den Flur. Dann schloss er die Türe zum Kinderzimmer und machte Licht. Am Boden lag eine ihm unbekannte Person, sollte der Zufall in dieser Nacht wirklich einen Einbrecher zu ihm geschickt haben? Waren das nicht zu viele Zufälle in einer Nacht? Es war ein Mann von kräftiger Statur, den er, wäre der Überraschungseffekt nicht auf seiner Seite gewesen, vermutlich niemals überwältigt hätte. Seine schwarzen Haare waren im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden. Wie lange sollte es dauern bis der Mann wieder zu sich kam? Er musste etwas unternehmen, ihn vielleicht fesseln. Seine Gedanken bewegten sich wild im Kreis vor Angst, was passieren könnte, wenn der Mann erwachte und seine Wut über den Übergriff an ihm und seiner Tochter ausließ.

  151. Sonja

    Auf die Idee, zuerst die Polizei zu rufen, kam er erst gar nicht. Instinktiv wusste er, dass das kein gewöhnlicher Einbrecher war. Sein Blick eilte schnell hin und her, zum Glück war die Tür zu Lilys Zimmer noch geschlossen, auch wenn er die Befürchtung hatte, dass sie durchs Schlüsselloch beobachtete, was im Flur vor sich ging. Also packte er den Mann, der aufstöhnte und dessen Lider flackerten, wieder unter den Armen und zog ihn in die Küche. Dort hievte er ihn auf einen Stuhl und fesselte ihn rasch mit Paketklebeband – keinen Augenblick zu früh, denn gerade als er die Klebebandrolle weglegte, öffnete der Kerl die Augen, stöhnte noch einmal und begann dann, in einer fremden Sprache loszuschimpfen.

  152. Andrea

    Der Mann riss an seinen Fesseln und Markus war nicht sicher wie lange so ein handelsübliches Paketklebeband wohl hielt. Er lehnte sich außer Reichweite an den Esstisch und schaute den Mann an. “Wer bist du und was suchst du in meiner Wohnung?”, fragte er neugierig, aber bestimmt. Der Mann unterbrach seinen Redeschwall und betrachtete seinen Gegenüber von oben bis unten. Markus fühlte ein Kribbeln im ganzen Körper und war kurz davor sich zu schütteln. Als er keine Antwort erhielt, fragte er erneut: “Was willst du hier?” Der Gefesselte grinste und spukte aus, mit einem osteuropäischen Akzent antwortete er: “Du und deine Tochter werden bereuen mir jemals begegnet zu sein.”

  153. Sonja

    Auch wenn diese Worte Markus einen Schauder über den Rücken jagten, versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen. Betont ruhig ruhte sein Blick auf dem Mann. “Wie ich das sehe, bist im Moment DU derjenige, der etwas bereuen sollte, nämlich in meine Wohnung eingedrungen zu sein und mir gedroht zu haben.”
    Markus hatte keine Ahnung, woher diese Worte kamen; hätte ihm vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass er sich bald in einer solchen Situation befinden würde, hätte er ihn ausgelacht. War dies überhaupt real?

    Der Osteuropäer grinste bloß und sagte etwas in seiner fremden Sprache, bei dem Markus gerne auf eine Übersetzung verzichtete.
    Aber was sollte er jetzt nur mit diesem Typen anfangen?

  154. Andrea

    Während er noch überlegte, klingelte es an der Tür. Markus fuhr zusammen: ” Wer sollte das jetzt sein? Es war schon nach Mitternacht.” Er nahm einen weiteren Streifen Klebeband und klebte diesen dem Mann über den Mund, so dass er still war. Dann schloss er die Tür zur Küche und ging zur Eingangstür. Zum Glück hatte er einen Türspion, neugierig spähte er hindurch und erschrak. Was wollte Richard Chirac um diese Zeit vor seiner Tür?

  155. Sonja

    Eigentlich hatte Markus genau gewusst, was Richard wollte – seinen Gefallen einfordern, den er ihm für die Anfertigung von Melanies neuen Ausweispapieren schuldete. Noch während er versuchte, sich an das Gespräch in dem Café vor dem Krankenhaus zu erinnern – was genau hatte Chirac von ihm verlangt? er wusste es nicht mehr -, hatte er die Tür geöffnet, ehe Richard noch das ganze Haus aufweckte.

    Markus wartete immer noch auf Aris Antwort, während er noch einmal um die Ecke sah. Doch außer dem unförmigen Haufen war nichts ungewöhnliches zu sehen. Ari schien nicht gewillt, ihm Auskunft zu geben, stattdessen zog er Markus wieder zurück in die Gasse und zischte: “Lass uns von hier verschwinden, ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.”

  156. Andrea

    Notgedrungen musste er ihm recht geben, denn dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu ging, konnte auch er nicht verleugnen. Er nickte kurz und folgte Ari den Weg zurück zu den letzten Bäumen, weg von den Häusern. “Und was jetzt?”, fragte er, als sie im Schutz einer Gruppe Birken standen. Ari schien zu überlegen, kam aber auf keine Lösung. Schließlich erwiderte er achselzuckend: “Sollten wir zurückgehen?”
    Markus wäre ihm am Liebsten an die Gurgel gesprungen bei diesen Worten. Hatte der Andere nicht dauernd behauptet er wüsste wo sie hingingen? Mit unterdrückter Wut antwortete er: “Vielleicht solltest du das tun?”

  157. Sonja

    “Was soll ich tun, was willst du von mir?”, schluchzte sie. Ihr Wächter starrte ohne zu blinzeln auf sie herab, doch als sie weiter um Antwort bettelte, stahl sich ein kleines, fieses Grinsen auf seine Lippen. Er holte aus, um Melanie einmal mehr irgendwo in ihren malträtierten Körper zu treten, als die stabile Stahltür mit einem leisen Quietschen aufgestoßen wurde. Sein vorfreudiges Grinsen verschwand, als eine wohlbekannte Person die Kammer betrat.

  158. Andrea

    Louis wollte Melanie bestrafen, aber sie sollte noch fähig sein weiter für ihn zu arbeiten und so wie sie momentan aussah, war sie das nicht. Wütend schubste er seinen Bediensteten zur Seite. “Habe ich dir nicht gesagt, du sollst sie züchtigen, aber nicht umbringen? Ich brauche sie noch. Meine Auftraggeber werden wenig begeistert sein, wenn ich diese geschickte Künstlerin verliere. Deswegen haben wir sie doch zurückgeholt, du Idiot!” Er packte die am Boden liegende Frau und hob sie hoch um sie zurück auf die Liege zu legen, dann drehte er sich erneut zu seinem Mann um. “Und jetzt pass auf sie auf, aber ohne sie umzubringen!” Wütend verließ er den Raum und die schwere Stahltür schloss sich wieder. Seine Auftraggeber machten Druck, wenn er nicht bald Nachschub lieferte, war er geliefert. Und da er bisher keinen Ersatz für Melanie hatte, musste er sie benutzen. Obwohl er sie lieber getötet hätte, dafür, dass sie ihn so hatte sitzen lassen. Sie würde tun was er wollte, nach dieser Behandlung muss sie Todesangst haben und würde ihm jeden Wunsch erfüllen, nur dass diese Peinigungen aufhörten, vorausgesetzt der Idiot hatte sie nicht schon zu sehr verletzt. “Auf niemanden war mehr Verlass”, fluchte er leise vor sich hin.

  159. Sonja

    “Ich kann mich doch auf dich verlassen?”, Richard drängte sich an Markus vorbei in dessen Wohnung. Markus blieb nichts anderes übrig, als die Tür wieder zu schließen und ihm zu folgen – Richard war zielstrebig in Richtung Küche gegangen. Er deutete nun auf den Gefesselten und sagte: “Einen Teil deiner Schuld kannst du loswerden, wenn du diesen Mann freilässt.” Sein Tonfall machte klar, dass das kein Vorschlag, sondern ein Befehl war.

  160. Andrea

    “Kennst du den Mann? Was hast du mit ihm zu tun und was hatte er in meiner Wohnung zu suchen?”, Markus war selbst erstaunt, dass er so ruhig blieb und lehnte sich an den Türrahmen. Richard blinzelte leicht. “Er sollte dich in meinem Auftrag aufsuchen. Sehen ob du noch unser Mann bist. Also lass ihn frei.”, wie auf Befehl riss der Mann erneut an seinen Fesseln. Markus nahm eines der Fleischmesser aus dem Messerblock und schnitt das Paketband, das seine Hände festhielt auseinander. Der Mann riss sie auseinander und wollte nach Markus greifen, doch dieser hatte damit gerechnet und war rechtzeitig außer Greifweite. Der Mann riss das Paketband vom Mund und schrie dabei auf, als es einen Teil seines Schnurrbartes mit herausriss. Dann löste er das Paketband, dass seine Füße an den Stuhl fesselte. Richard lächelte. “Sehr intelligent.”
    Markus lehnte wieder am Türrahmen, das Messer noch in der Hand. “Was willst du?”

  161. Sonja

    Was Richard von ihm erbat – oder vielmehr ohne Widerspruch verlangte -, erschien Markus unmöglich einzulösen.
    Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerung an jene Szene in seiner Küche loszuwerden. Ari war schon fast außer Sicht, er musste sich beeilen, wenn er ihn einholen wollte. Denn wenn Markus eines wusste, dann, dass er allein hier in den verlassenen Bergen kaum länger als ein paar Tage überleben konnte. Zumal allmählich seine spärlichen Vorräte zur Neige gingen und er immer noch keinen Anhaltspunkt hatte, wo er Melanie finden konnte.

  162. Andrea

    Am nächsten Tag ging Markus gleich früh wieder zum Krankenhaus und es schien als wäre die übliche Normalität wieder eingekehrt. Er ging mit pochendem Herzen zum Empfang und war erleichtert, dass nicht die selbe Mitarbeiterin wie am Vortag dort Dienst hatte. Die Schwester schaute ihm lächelnd entgegen. “Was kann ich für SIe tun?”
    Markus schluckte. “Können Sie mir sagen, was mit Monsieur Clairmont ist? Ich war gestern bei ihm als hier im Krankenhaus das Chaos ausgebrochen ist und ich weiß nicht wo er jetzt ist. Gestern lag er in Zimmer 3105.”
    Die Dame blätterte in ihre Unterlagen und kaute dabei auf ihrer Unterlippe. Nach einer Weile schaute sie auf. “Komisch, ich finde hier keinen Monsieur Clairmont. Wissen Sie, was er hatte? Einige Patienten sind noch in anderen Krankenhäusern untergebracht.”
    Er erschrak, er musste doch endlich wissen was passiert war. “Wer weiß denn Bescheid über die Patienten, die ausquartiert sind? Ich glaube er hatte etwas mit Herz-Kreislauf, so genau weiß ich es nicht, weil bevor ich das fragen konnte, das Chaos ausgebrochen ist.”
    Sie überlegte, dann schaute sie über seine Schulter und winkte einem Mann in weiß zu. Der Doktor kam auf sie zu. “Vielleicht kann Ihnen Dr. MIchel hier helfen.”, erwiderte die Schwestern und wand sich dem nächsten Besucher zu.

    • Sonja

      Der Arzt schaute mürrisch drein und ignorierte die zur Begrüßung ausgestreckte Hand von Markus; er sah übernächtigt und genervt aus. Etwas irritiert versuchte Markus, dem Arzt sein Problem zu erklären. Doch dieser zuckte bloß mit den Schultern und grummelte: “ich bin nicht die Auskunft, an einen Monsieur Clairmont kann ich mich nicht erinnern. Versuchen Sie es in den anderen Krankenhäusern.” Bereits während seiner letzten Worte wandte der Arzt sich wieder ab.
      Frustriert sah Markus in hinterher. Sollte er etwa schon wieder alle Krankenhäuser durchtelefonieren müssen?

  163. Andrea

    Als er schon dabei war sich umzudrehen um zu gehen, rief ihn die Schwester zurück. Sie hatte das Gespräch mit angehört und hatte Mitleid mit dem jungen Mann. “Ich kann Ihnen zwar nicht genau sagen, wo Ihr Bekannter ist, aber versuchen Sie es im Hôpital Européen Georges Pompidou. Ein Großteil unserer Patienten wurde vorübergehend dort untergebracht.”
    Markus lächelte die Frau erleichtert an. “Merci Beaucoup Madam. Sie wissen gar nicht, wie Sie mir mit dieser Auskunft weiterhelfen.” Schnell verließ er das Krankenhaus.

    • Sonja

      Der musste sich wirklich beeilen, um Ari wieder einzuholen, auch wenn es immer noch in ihm brodelte. Gerade als er in Rufweite zu ihm aufholte, ging ein Beben durch die Erde, das ihn von den Füßen holte. Markus landete unsanft auf einigen Wurzeln, ehe er überhaupt begriff, was geschah. Ein unheilvolles Donnern erfüllte die Luft, ansonsten war es totenstill – kein Tier brach durchs Unterholz, kein Vogel flog über ihn hinweg. Noch ehe er sich wieder aufrappeln konnte, bebte die Erde erneut.

  164. Andrea

    Erschrocken blieb er sitzen und schaute sich nach Ari um, dieser lag vielleicht 10 Meter vor ihm am Wegrand, eine Birke war über ihm zusammengebrochen und der Stamm lag quer über seine Beine. Er bewegte sich nicht. Markus kroch aus Angst vor einem erneuten Beben auf allen Vieren auf ihn zu und rüttelte an seiner Schulter.

    • Sonja

      In Rekordzeit erreichte Markus das andere Krankenhaus. Er fragte am Empfang nach Babbou und stand wenige Minuten später vor Zimmer 208. Die Hand schon in der Luft, um anzuklopfen, hielt er inne, als laute Stimmen durch die Tür drangen. Instinktiv versuchte er zu lauschen, doch die Stimmen waren zu einem leisen, unverständlichen Murmeln gesenkt worden.

      • Aratos

        Er blieb vor der Tür stehen und wartete. Nach einer schieren Ewigkeit kam eine feine Dame heraus, sie hatte eindeutig teuerere Kleidung an und sah sehr wütend aus. Ihre Hand kramte in ihrer Handtasche von Gucci, während sie Markus mit zusammengekniffenen Augen musterte. ‘Wer sind sie? Sicher haben sie sich in der Tür geirrt, dies ist ein Einzelzimmer.’, entgegnete sie energisch.

  165. Sonja

    Markus fühlte sich augenblicklich angegriffen, obwohl er sich keiner Schuld bewusst war – wieso sollte er Babbou nicht besuchen dürfen? So fiel seine Antwort ruppiger aus als er wollte:

  166. Andrea

    “Die Frage ist wohl, was Sie hier wollen?”
    Sie schaute ihn erschrocken an. “Wie reden Sie denn mit mir? Entschuldigen Sie, aber wer sind Sie? Ich bin die einzige Verwandte von Monsieur Clairmont.”
    Markus überlegte kurz, konnte sie es wirklich sein? “Claudine?”

  167. Sonja

    Die Frau warf ihm einen skeptischen Blick zu, beruhigte sich aber ein wenig. “Woher kennen SIe meinen Namen? Ich kenne Sie doch nicht?!”
    “Das ist eine längere Geschichte – hätten Sie ein wenig Zeit? Verzeihung”, Markus sich dann erst darauf besann, sich vorzustellen, “ich bin ein Bekannter von Melanie, sie hat mir von Ihnen erzählt.”

  168. Andrea

    “Melanie? Ich habe diesen Namen seit Jahre nicht mehr gehört. Wo ist sie? Und woher kennen Sie meinen Großvater?”, sie setze sich auf einen Stuhl und schaute ihn erwartungsvoll an.

  169. Sonja

    Markus setzte sich neben sie und fasste kurz zusammen, dass er Babbou mit Melanie besucht hatte, dass Melanie ein paar Tage bei Babbou gewohnt hatte und plötzlich verschwunden war, Babbou im Krankenhaus… Sie hörte schweigend zu, ihre Miene verzog sich von zunächst in Erinnerungen schwelgend hin zu ernstlich besorgt. “Verschwunden? Und Sie meinen, mein Großvater kann Ihnen da weiterhelfen?”

  170. Andrea

    Er schaute sie ernst an. “Ich hoffe es.”
    Sie runzelte die Stirn und warf einen Blick in Richtung Tür. Gedankenverloren murmelte sie: “Soweit er wieder aufwacht.”
    Markus warf entsetzt ein: “Was heißt das? Ist es so Ernst?” Sollte sich auch diese Möglichkeit zerstreuen?
    Claudine entgegnete kopfschüttelnd: “Sie wissen es nicht. Momentan ist er bewusstlos, ob er wieder zu sich kommt werden die nächsten Tage zeigen. Heute werden Sie jedenfalls keine Antworten erhalten.”

    Er sollte niemals eine Antwort erhalten, das wusste er jetzt.
    Ari bewegte sich leicht und stöhnte vor Schmerzen auf. “Ich kann mein Bein nicht bewegen.”, entgegnete er entsetzt.

  171. Sonja

    Markus blickte besorgt um sich – was hatte dieses Beben bloß ausgelöst? Und war es endgültig vorbei? Dann ließ er seinen Blick über den Baum schweifen, der über Ari gestürzt war. Er rüttelte an dem schenkeldicken Stamm, der sich keinen Millimeter bewegte. Ari stöhnte vor Schmerz auf – Markus musste ihn so schnell wie möglich befreien!
    Oder sollte dies seine Chance sein, endlich mehr aus Ari herauszubekommen? Ein gefährliches Leuchten glomm in Markus’ Augen auf und spiegelte sich in dem entsetzen Blick Aris wider.

  172. Andrea

    “Du willst doch sicher nicht hier zurückbleiben und verrotten, oder? Zerfetzt von wilden Tieren oder mit etwas Glück schon vorher vor Hunger und Durst sterben?”, Markus Stimme war kalt, als er diese Fragen formulierte.
    Ari schüttelte erschrocken den Kopf. “Du würdest mich doch nicht zurücklassen, oder etwa doch? Nur weil ich mich verirrt habe? Was habe ich dir getan?”
    Markus kochte innerlich bei diesen Worten. Wollte der andere ihn immer noch für dumm verkaufen?

  173. Sonja

    Er beschloss, dass es nun endlich Zeit für die Wahrheit wurde. Selbst wenn er vielleicht zu spät käme, um Melanie zu retten – er hatte dieses Spiel einfach satt. Deshalb sagte er: “Du weißt genau, was du getan hast. Und ich frage nur einmal: Wo ist Melanie?”

  174. Andrea

    Ari schaute ihn mit einem, wie er hoffte, verständnislosen Blick an. “Melanie? Wer ist Melanie?”
    Doch so schnell schaute er gar nicht, als Markus ihm bei diesen Worten hart ins Gesicht schlug. Gerne hätte der unter dem Baumstamm gefangene Mann sich nach diesem Schlag die Nase gehalten, doch seine Hände ließen sich nicht unter dem hervorziehen. So blieb ihm nur die Zähne zusammenzubeißen während ihm Tränen und Blut über das Gesicht liefen. Er schluckte einige Male schwer und öffnete die immer noch tränenden Augen. “Was soll das? Schlägst du immer wehrlose Menschen?”
    “Du weißt genau wofür das war. Also sprich oder ich lasse dich hier verrotten!”

  175. Sonja

    “Ich werde hier verrotten, und keiner wird es merken”, dachte Melanie, während sie den Pinsel in das wunderschöne Kobaltblau tauchte und ein paar Pinselstriche auf die Leinwand malte. Ihr Blick glitt zu dem Original, das sie kopieren sollte; sie – und Louis – konnte zufrieden sein, auch wenn Melanie das völlig egal war. Aber als sie das letzte Mal keine perfekte Arbeit abgeliefert hatte, hatte Louis sie das schmerzlich spüren lassen.
    Während sie weitermalte glitten ihre Gedanken ab, schweiften zu Markus, zu den schönen Stunden, die sie mit diesem Mann, den sie kaum kannte, verbracht hatte. Er hatte sie sicher schon längst vergessen, wie sollte er auch nicht… Mutlos schwenkte sie den Pinsel in klarem Wasser, in dem nun blaue Wolken schwebten, und tauchte ihn in die nächste Farbe.

  176. Andrea

    Während sie so ihren Gedanken nachhing, legte sich eine Hand auf ihre Schulter. “Wir sind ein gutes Team, wie früher in den guten, alten Zeiten.”, murmelte Louis dicht an ihrem Ohr. Melanie fuhr erschrocken zusammen und schubste dann seine Hand von ihrer Schulter. “Wir werden nie mehr ein gutes Team sein, ich tue das nur, weil mir keine andere Wahl bleibt.”
    “Wieso so negativ, Süße? Du könntest ein schönes Leben an meiner Seite haben, wenn du dich nicht so anstellen würdest.”, erwiderte er lachend und verließ den Raum wieder.

    Ari überlegte was er tun sollte. Seine Lage war mehr als ausweglos. Wenn er nicht kooperierte würde er hier wirklich verrotten, aber er wusste auch was passierte, wenn er dem Mann alles erzählen würde. Louis Zorn wollte keiner auf sich ziehen, denn dann war sterben vielleicht wirklich die bessere Option. Er überlegte, während Markus zornig um ihn herum stapfte.

  177. Sonja

    Schließlich dauerte es Markus zu lang, er kam wieder auf Ari zu, setzte einen Fuß auf den Stamm und lehnte sich sachte dagegen. Ari stöhnte vor Schmerz auf als das Gewicht auf seinem Bein sich vergrößerte.
    Markus konnte sich selbst nicht ausstehen für das, was er hier tat und womöglich noch tun musste, aber in den letzten Wochen hatte sich alles geändert, ja, hatte er sich verändert. Und alles nur wegen… Er musste sich zusammenreißen, durfte das Ziel nicht aus den Augen verlieren!
    “Sag mir endlich die Wahrheit!”, forderte er Ari mit einem stechenden Blick auf.
    Ari ächzte noch einmal, er wusste, dass er Markus mit irgendetwas ködern und ablenken musste, zumindest so lange, bis er aus dieser Falle heraus war. Also begann er: “Hör zu, ich weiß nichts von einer Melanie, dieser Chirac hat mich beauftragt dich im Auge zu behalten, nicht mehr und nicht weniger.”

  178. Andrea

    Markus horchte auf. “Chirac sagst du? Wer soll das sein?” Sollte wirklich Richard Chirac an dem ganzen Schlamassel Schuld sein? Zuzutrauen wäre es ihm, schließlich hat seit er mit ihm geredet hatte, alles angefangen aus dem Ruder zu laufen.
    Ari kniff die Augen zu. “Richard Chirac sollte dir ein Begriff sein, schließlich hast du ihn oft genug verteidigt.”, konterte er. Das war ein schlauer Schachzug, dachte er innerlich und musste sich zusammenreißen um nicht zu grinsen. So konnte er Louis außen vor lassen und Markus trotzdem etwas vor die Füße werfen, was ihm hoffentlich das Leben rettete.
    Markus ließ sich zurück an einen Stamm sinken und musterte den immer noch gefangenen Ari neugierig. “Warum sollst du mich im Auge behalten?”
    “Hilf mir bitte hier raus, dann erzähle ich dir was ich weiß.”, konterte dieser.
    Sollte er es tun? Sollte er dem Mann helfen? Würde dieser ihm dann wirklich helfen oder war das ein Trick? Seine Gedanken kreisten ohne sich für irgendetwas entscheiden zu können. Dann schweiften sie ab, zurück zu seiner letzten Begegnung mit Richard Chirac.

  179. Sonja

    Nachdem er seine Schuld Richard gegenüber beglichen hatte, war dieser noch einmal zu ihm gekommen. Da hatte er ihn zum letzten Mal gesehen – der Banker hatte seine Hand geschüttelt, ihm zugenickt und gesagt: “Ich kann doch weiterhin auf Sie zählen, wenn ich einen Anwalt brauche, nicht wahr?” Und Markus war klar gewesen, dass das mehr eine Feststellung als eine Frage gewesen war.

    Er hatte lange mit sich gerungen, ob er wirklich tun sollte, was Chirac von ihm verlangte. Aber er wusste auch, dass er eigentlich keine Wahl hatte – Chirac hatte ihn in der Hand. Einmal mehr fragte er sich, wie sein Leben nur innerhalb weniger Wochen dermaßen aus den Fugen hatte geraten können.
    Aber es war nun einmal geschehen und Markus konnte es nicht rückgängig machen. Doch er hoffte, dass es diesen Einsatz wert war, dass er Melanie finden würde und bald zu seiner kleinen Tochter zurückkehren konnte.

    Immerhin hatte Richard ihm – mehr oder weniger bewusst – den entscheidenden Hinweis gegeben, der in hierher in die Berge geführt hatte.

  180. Andrea

    Ja, er hatte ihm den Hinweis gegeben, aber wieso hatte er ihm diesen gegeben? Hier war er sicher weit weg davon Melanie zu finden. Er hatte ihn auf eine falsche Spur gelockt um ihn aus dem Weg zu haben, da war er sich mittlerweile sicher. Es wäre auch durchaus vorstellbar, dass er jemanden beauftragt ihn im Auge zu behalten und dafür sorgt, dass er auch lange genug aus dem Weg bleibt. Markus dachte nach, sollte er Ari wirklich befreien? Er war ein gefährlicher Mann, auch da war er ganz sicher. Wieder beugte er sich ganz nah über den anderen Mann und flüsterte leise: “Nein, wir machen es nach meinen Regeln. Du erzählst mir erst von Chirac und dann befreie ich dich.”
    Ari schluckte, er sah den entschlossenen Blick von Markus und wusste, würde er es nicht tun, würde dieser ihn wirklich hier zurücklassen.
    “Nun gut, dann spielen wir nach deinen Regeln.”, erwiderte er mit kaltem Blick.

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